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Aktien überbewertet? Nein, diesmal sind die Zeiten nicht anders!

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Große Euphorie bei Aktien

Dass wir in einer Manie-ähnlichen Marktphase mit lauter überbewerteten Aktien stecken, war zuerst an US-Aktienkursen ablesbar. Wenn die Aktienkurse insolventer Unternehmen in die Höhe schießen, wenn unprofitable Nischen-Anbieter nach Marktkapitalisierung weltweite Marktführer werden und selbst die größten Fans nicht einmal mehr versuchen, die Bewertung rational zu rechtfertigen, hat der Markt ein Problem. Zwar können die Kurse weiter steigen, doch der zwingend irgendwann folgende Crash wird dann nur umso schlimmer. Inzwischen griff die Manie auch auf China über, wo die Kurse von Börsen-Newcomern inzwischen täglich explodieren. Eines ist sicher: Die Zeiten für Aktien sind dieses Mal nicht anders. Fundamentaldaten sind die Basis eines jeden Aktienkurses. Sie werden wieder zur Geltung kommen – und die Verluste derjenigen, die zu Phantasiekursen kauften, werden betäubend sein.

Wann sind Aktien überhaupt überbewertet?

Um sich zu vergegenwärtigen, warum die Überbewertung einer Aktie für den Käufer gefährlich ist, sollten wir uns erst einmal anschauen, was eine Aktie ist. Sie verbrieft einen Anteil an einem Unternehmen. Damit das Unternehmen dauerhaft Bestand haben kann, muss es Gewinne erwirtschaften. Die Summe der Gewinne geteilt durch die Anzahl der Aktien ergibt den Gewinn pro Aktie, den das Unternehmen in jedem Jahr erwirtschaftet. Da die Aktie in Konkurrenz zu diversen anderen Anlagemöglichkeiten steht, sollte der Gewinn pro Aktie in einem vernünftigen Verhältnis zum Kurs stehen. Wenn man mit Immobilien 4% pro Jahr verdienen kann, braucht man keine Anteile an einem Unternehmen kaufen, die nur 1% pro Jahr abwerfen.

Denkbar ist natürlich, dass der Buchwert des Unternehmens höher ist als der aufsummierte Wert aller ausstehenden Aktien. Der Buchwert sind die bilanzierten, veräußerbaren Werte eines Unternehmens, wie Immobilien, Urheberrechte, Geldmittel oder Lagerbestände. In diesem Fall würde es sich lohnen, die Aktien zu kaufen, selbst wenn das Unternehmen nur wenig Gewinn abwirft. Denn bei der Auflösung der Gesellschaft könnten Zusatzgewinne bei der Verwertung des Unternehmensvermögens gemacht werden. In der Regel kostet das Unternehmen an der Börse aber mehr als die Buchwerte, ist in der Hinsicht also überbewertet.

Und zu guter letzt gibt es natürlich noch Wachstum. Ein Unternehmen, das schnell wächst, rechtfertigt in der Regel einen Aufpreis in seinen Aktien – es ist überbewertet in Relation zur aktuellen Ertragskraft. Die Aktie ist teurer, als sie bei einem ansonsten identischen Unternehmen ohne starkes Wachstum wäre. Und genau hier liegt das Problem: Die abgehobenen Aktienkurse vieler Unternehmen werden inzwischen nicht einmal mehr mit real erzieltem Wachstum gerechtfertigt, sondern nur mit dem Wachstumspotenzial. Einem Unternehmen wie Tesla wird einfach unterstellt, dass es künftig wieder wachsen könnte. Und bei Tesla wird darauf aufbauend unterstellt, dass die Gewinne in der Zukunft nur so sprudeln werden, sobald es wieder Wachstum gäbe. Die gab es zwar schon nicht, als das Unternehmen von einer Sportwagenmanufaktur zu einem Großserienhersteller mit 360.000 Fahrzeugen pro Jahr heranwuchs, aber das macht das Potenzial aus Sicht der Aktienkäufer offenbar nur umso größer.

Auch profitable Wachstums-Unternehmen können überbewertet sein!

Selbst wenn ein Unternehmen unbestritten Wachstum zeigt und gleichzeitig Gewinne macht, kann es überbewertet sein. Beispiele dafür sind Apple oder Amazon. Beide Konzerne sind inzwischen so groß, dass das mit dem Aktienkurs unterstellte Umsatz- und Gewinnwachstum kaum noch realisierbar ist. Die Unternehmen sind bereits Branchenführer, der eine beim Umsatz, der andere beim Gewinn. Branchenführern fällt es jedoch zunehmend schwer, noch so stark zu wachsen wie Startups. Gleichzeitig sind sie dem großen Risiko ausgesetzt, dass kleinere, agilere Unternehmen sich Marktanteile schnappen.

240-facher Jahresumsatz als Börsenbewertung? So eine Aktie nenne ich überbewertet!

Gänzlich verrückt wird es, wenn sich die ohnehin hohen Aktienkurse von Startups binnen Stunden vervielfachen. Beispiele? Nikola Motors und Cambricon. Cambricon, ein Startup, das Computerchips für künstliche Intelligenz entwickelt, wurde für 64,39 Yuan an die Börse gebracht. Am Montag. Am Dienstag lag der Kurs der Aktien dann schon bei 274 Yuan – also um mehr als den Faktor 4 höher als einen Tag zuvor. Überbewertet? Aber sicher! Das Unternehmen wurde am Dienstag mit 110 Milliarden Yuan bewertet. Kleines Problem dabei: Das ist der 240-fache Jahresumsatz von 2019. Ein KGV gibt es gar nicht erst, weil Cambricon Verluste machte. Das negative KGV beträgt etwa -100.

Wer für 274 Yuan, oder den 240-fachen Umsatz, kauft, der muss entweder sehr, sehr, sehr lange warten, bis das Unternehmen in diese Bewertung eventuell einmal hineingewachsen ist. Oder der Käufer muss darauf setzen, in der Zukunft einen anderen Käufer zu finden, der noch weniger von den Fundamentaldaten versteht und bereit ist, vielleicht den 300-fachen Jahresumsatz hinzublättern, um einen Anteil an diesem Juwel zu besitzen.

Die Suche nach dem nächsten Dummen endet irgendwann erfolglos – dann gibt es einen Crash!

Die Erfahrungen des neuen Marktes, der New Economy, im Jahr 2000 zeigen, dass sich eine ganze Weile immer neue Anleger finden, die unbedingt noch an der Rallye teilhaben wollen. Wir sehen diesen Einstieg von Retail-Investoren in Aktien auch jetzt, siehe die rasante Verbreitung des Gratis-Tradings beim US-Broker Robinhood. Wenn jedoch der letzte Kleinanleger hoch gehebelt eingestiegen ist, fehlt es am nächsten Dummen, der diese aufgeblasenen Kapitalvernichter zu einem noch höheren Kurs kaufen würde. Schnell werden die jungen Aktionäre feststellen, dass ihre hoch bewerteten Unternehmen auch in einem Jahrzehnt noch nicht genug gewachsen sein werden, um ihren Kurs zu rechtfertigen. Bei vielen dieser Unternehmen ist fraglich, ob sie jemals profitabel sein können – unabhängig vom Wachstum. Auch hier ist das beste Beispiel wieder Tesla Motors (jüngst extreme Kurs-Hausse), die seit der Gründung im Jahr 2003 kein einziges Jahr mit Gewinn abschließen konnten.

Von Späteinsteigern wird gern das Argument gebraucht, die Zeiten seien dieses Mal anders. Zuweilen bringen sogar Analysten von Investmentbanken dieses Argument. So z.B. ein Analyst der Mizuho Bank, der der Ansicht ist, die hohen Bewertungen seien die neue Normalität. Gründe, warum alte Bewertungsmethoden für Aktien nicht mehr gültig sein sollen, finden sich dann viele. Doch die Wahrheit ist, dass diese Bewertungsmethoden nicht alt sind, sondern die einzigen, die langfristig funktionieren. Ein Unternehmen, das nicht genug oder gar kein Geld verdient, ist heute praktisch immer überbewertet. Das war vor 20 Jahren in der New Economy so und das ist auch heute noch so. Der Markt braucht nur eine Weile, um das zu erkennen. Wenn er es jedoch erkennt, dann spielt die Ertragsstärke eines Unternehmens auf einmal wieder die Hauptrolle. Dann sieht es schlecht aus für die Teslas, Nikolas oder Cambricons dieser Welt – und ihre Anleger.

Im Irrglauben, das nächste Amazon identifizieren zu können, stecken derzeit viele Anleger ihr Geld in jedes Unternehmen, das auch nur vorgibt, zu wachsen. Doch so funktioniert es nicht. Von den 100 Konkurrenten, die 1999 genauso wie Amazon online Waren anboten, sind heute 99 insolvent. Der Kurs von Amazon mag sich verhundertfacht haben. Doch wer 1999 jeweils 1% seines Kapitals auf die 100 total stark wachsenden, unprofitablen Onlineshops verteilte, verlor mit diesen Aktien 99% des Kapitals und das letzte Prozent verhundertfachte sich. Ergebnis nach 20 Jahren: +-0. Wer 100% des Kapitals auf eine Karte setzte, wie es heute auch wieder viele tun, hat mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit alles verloren. Seien Sie cleverer!

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Hesterbär

    22. Juli 2020 11:17 at 11:17

    Einfach klasse, dieser Dirk Schuhmanns! Er hat die außerordentliche Begabung, Börse leicht verständlich zu erklären und sich dabei auf das Wesentliche und die Realität zu konzentrieren. Für Börseneinsteiger sind seine Artikel ein Muss und sogar für Profis sind sie ein Genuss.

    Ein wirklich guter Schreiber wie Dirk Schuhmanns muss auch nicht nach Fremdwörtern für seine Texte suchen, die keiner kennt.

  2. Avatar

    Columbo

    22. Juli 2020 17:30 at 17:30

    Von Überbewertung zu sprechen ohne die niedrigen Zinsen einzubeziehen, ist ein Fehler.

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Aktienmärkte: „Die Coronakrise ist vorbei“ – wirklich?

Markus Fugmann

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„Die Coronakrise ist für die Aktienmärkte vorbei“, sagt der Mathematiker und Vermögensverwalter Andreas Beck. Diese Aussage überrascht, schließlich stecken wir mitten im zweiten, diesmal „differenzierten Lockdown“ (O-Ton Markus Söder) mit enormen wirtschaftlichen Folgeschäden. Andreas Beck rechnet aber dennoch mit einem guten Jahrzehnt für die Aktienmärkte – schon mangels Alternative angesichts der von den Notenbanken manipulierten Anleihemärkte. Die Nullzinsen, so Beck, hätten sich bereist bei Immobilien niedergeschlagen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis das auch die Aktienmärkte vollständig einpreisen.

Aktienmärkte und Coronakrise: Das Jahrzehnt der Aktie?

Seit dem 09.November – der Meldung von BioNTech/Pfizer – haben die Aktienmärkte einen Paradigmenwechsel vollzogen: Man kauft die „Corona-Verlierer“. Für Andreas Beck bedeutet das: die Aktienmärkte blicken schon auf die Zeit nach der Coronakrise (auch die Rohstoff-Märkte, siehe etwa die Rally bei Kupfer, das für die Industrie sehr wichtig ist). Man preist also eine vollständige Erholung der Wirtschaft ein, eben weil die Coronakrise vorbei doch vorbei sei. Der Wirtschaft sei der zweite Lockdown faktisch „egal“ – sie habe sich an die neuen Umstände angepaßt.

Nun ist Andreas Beck Vermögensverwalter und Mathematiker, kein Epidemologe. Nun hat kürzlich der britische Epidemologe und Berater des britischen Premiers Boris Johnson, Jonathan Van-Tam, kürzlich davon gesprochen, dass die Coronakrise „niemals“ vorbei gehen werde (hier seine Aussage im Video). Ist es vielleicht doch so, dass Andreas Beck und mit ihm die Aktienmärkte die Coronakrise zu früh abhaken, also das Fell des Bären schon verteilen, bevor er erlegt ist?

Eines ist für Andreas Beck klar: die Schulden der Staaten werden niemals zurück gezahlt werden können – daher weredn sich die Staaten am Privatvermögen sener Bürger bedienen (müssen). Auch klar für Beck ist weiterhin: die demokratischen Länder werden sich die Dominanz der US-Tech-Unternehmen nicht mehr lange gefallen lassen. Er geht daher davon aus, dass in diesem Jahrzehnt daher dann „value“ besser laufen sollte als „growth“ und erklärt, wie er selbst investiert ist:

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Für die Aktienmärkte ist die Coronakrise vorbei, sagt Vermögensverwalter Andreas Beck

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Markus Koch meldet sich im folgenden Video LIVE vor dem Handelsstart in New York. Zahlreiche Themen werden besprochen wie die Arbeitsmarktdaten für November, Anleiherenditen, Tesla uvm.

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