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Aktienmärkte und Coronakrise: Investoren im Wechselbad der Gefühle

Obwohl wir es gestern auf FMW schon thematisiert hatten: wir haben sie, die wohl ungewöhnlichste Rally der Aktienmärkte ever – und das trotz der Coronakrise!

Die Wirtschaftsteile der Zeitungen sind voller Berichte, die darüber räsonieren, wie es einen solchen Anstieg der Aktienmärkte geben kann, bei der herrschenden Wirtschaftslage aufgrund der Coronakrise. Ein Riesen-Gap zwischen Real- und Finanzwirtschaft, zwischen Main Street und Wall Street.

Aktienmärkte: Diese Rally passt in kein Schema

Es gab zwar nach dem Zweiten Weltkrieg schon mehr als ein halbes Dutzend Rezessionen, die ein Warren Buffett alle erlebt und bewältigt hat, aber es dürfte kaum jemand geahnt und erwartet haben, was sich zwischen Februar und Juni an den Märkten abspielen wird. „This time is totally different“, denn nicht einmal zu Zeiten der Weltkriege dürfte es einen Lockdown, ein fast paralleles Herunterfahren der Wirtschaft, in Dutzenden Industriestaaten gegeben haben. In allen 23 Ländern, die im MSCI World gelistet sind, inklusive China, welches investmenttechnisch noch als Emerging Market gilt.

Der Dax treibt es am wildesten

Es ist erst knapp 11 Jahre her, als Deutschland infolge der Finanzkrise die größte Rezession seit dem zweiten Weltkrieg überstehen musste. Die deutsche Wirtschaft schrumpfte um 5,7 Prozent und der deutsche Leitindex fiel von seinem Hoch um 54 Prozent. Daran dürften sich viele Investoren und Volkswirte erinnert haben, als man im März erkannt hat, dass der Shutdown infolge der Coronakrise im Frühjahr noch einen viel brutaleren Wirtschaftseinbruch als 2009 nach sich ziehen wird. Die ersten Befürchtungen gingen von zweistelligen Schrumpfungen in den großen Industrienationen aus. Und was machten die Aktienmärkte? Sie fielen bis Mitte März um 30 bis knapp 40 Prozent (Dax), also viel weniger als in der letzten Krise.

Klar, dass man nach dem großen Schreck und den ersten Rettungsaktionen vorsichtig war, bei steigenden Kursen der Aktienmärkte misstrauisch wurde, das Kapital parkte und einige – wie ganz speziell Hedgefonds – sogar stark auf fallende Notierungen setzte. Dies war auch jenseits des Atlantiks in etwa so gelaufen, was Stephan Heibel nach seiner wöchentlichen Umfrage (AnimusX) unter Investoren sinngemäß so formulierte: „Die Erholung des DAX von 8.400 auf 10.000 haben viele Anleger, Privatanleger sowie auch Institutionelle erwartet und zu einem großen Teil mitgenommen. Manche haben sogar die Nerven behalten und sind bis 11.000 Punkten dabeigeblieben. Doch dort haben viele ihre Positionen verkauft, viele Profis sind sogar short gegangen.“ Das war die Phase der Unsicherheit im April.

Es kam zum erwarteten Rücksetzer, der jedoch nicht mehr auf 10.000 Punkte führte, ja und dann ging es flugs bis über 12800 Punkte (insgesamt plus 57 Prozent).

Und es begann die extreme Phase der Schieflagen vieler, was zu ständig wiederkehrenden Short Squeezes und zu FOMO führte (Fear of missing out) und da war sie, die meistgehasste Hausse der Aktienmärkte.

Das Zusammenspiel von Extremfaktoren

Es gab zwei außergewöhnliche Faktoren, die so eine Katastrophenrally der Aktienmärkte ermöglicht haben – und die kaum jemand vorher in diesem Ausmaß geahnt haben konnte, sonst wäre sie auch nicht zustande gekommen.

Der Lockdown, der zu noch nie erlebten Wirtschaftseinbrüchen (in punkto Geschwindigkeit) geführt hat – und gleichzeitig in Windeseile durch Staaten und Notenbanken geschnürten Rettungspaketen, die ohne historisches Beispiel sind.

Die logische Konsequenz von fundamental agierenden Anlegern: Erst einmal Vorsicht walten lassen, Geld sicher stellen. Wenn die Autoproduktion von China bis Europa bis zu 90 Prozent einbricht, der Flugbetrieb sogar noch darüber hinaus und man davon spricht, dass sich der Tourismus – der für über acht Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung steht – infolge der Coronakrise auf Jahressicht nicht erholen wird, wer hält da dagegen? Und jetzt geht es in vielen Ländern ganz schnell wieder nach oben. Das ist Punkt eins.

Punkt zwei ist die exorbitante Geldflut durch Rettungspakete der Industriestaaten und die Geldpolitik der Notenbanken. Über die fast 10 Billionen Dollar schwere und historisch einmalige Bazooka wurde schon in allen Einzelheiten berichtet. Aber dies führt zu zwei ganz elementaren Folgeerscheinungen:

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2 Kommentare

  1. Was alle Finanzgurus ja ungern hören ist die Tatsache das sich Aktienkurse nicht vorhersagen lassen. Auch alle nachträglichen Erklärungen für ein Verhalten sind lediglich Rationalsierungsversuche für tatsächlich nicht vorhandene Determinismen.
    Auch der Einsatz von komplexen Modellen, Analysemethoden sind nichts anderes als die neumodische Form komplizierter Hexagramme mittelalterlicher Astrologen. Allerdings erzeugen diese etwas das Psychologen als „Kontrollfiktion“ bezeichnen. So stabilisiert das System sich selbst.

    Die Helden der Branche sind diejenigen, die per Zufall mal den Jackpot gezogen haben, dass aber ihrer eigenen Genialität zuschreiben. (Obwohl sicher der ein oder andere die Möglchkeit hatte dem eigenen Glück mit Falschspielertricks etwas auf die Sprünge zu helfen).

    Und ist erst mal ein ausreichend großes Vermögen zusammen kann man gar nicht mehr verlieren (Übermut ist hier die einzige Gefahr).
    Denn auf Grund des durch ein großes Vermögen erweiterten Handlungsraum ist man immer im Vorteil. Vermögen verklumpen von ganz alleine, ähnlich wie physikalische Massen. Der Teufel scheißt halt immer auf den größten Haufen.

    Langfristig sind die Aktienkurse und Immobilienwerte immer gestiegen. Und es kann auch gar nicht anders sein, denn beides ist die (einzige) Basis jeder Wertschöpfung. Geht also die globale Güterproduktion nicht DAUERHAFT zurück, fallen auch die Preise nicht dauerhaft.

    Werden trotzdem weiterhin ganz viele an das finanzielle Schamanentum glauben? Selbstverständlich. Schließlich hat sich die Menge an Esoterikern, Hexen- und Horoskopgläubigen in den letzten 100.000 Jahren nicht verringert.

  2. Danke für den guten Kommentar. Da gibt es nicht viel hinzuzufühgen.

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