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Finanzielle Repression, Inflation und die Staatsschulden

Finanzielle Repression

Die Konjunktur springt an, ebenso die Teuerungsraten und dennoch macht die europäische Zentralbank nicht die Spur eines Rucks in Richtung Aufhebung der Null- oder Minuszinsen – die finanzielle Repression ist in vollem Gange. Während der deutsche Professor Paul Kirchhoff, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, in einem Gutachten behauptete, dass diese Negativzinsen gegen das Grundgesetz mit seiner Schutzfunktion für das Privateigentum verstoßen würden, so gibt es doch einen großen Gewinner dieser Konstellation: Es sind die Staaten in der EU, die sich diese Zinsen langfristig sichern und gleichzeitig von der finanziellen Repression profitieren.

Finanzielle Repression: Die Nullzinspolitik verschärft sich

In den letzten Tagen und Wochen mehren sich die Artikel in den Wirtschaftsmedien über die Zahl der Banken die mittlerweile ein Verwahrentgelt (Strafzinsen) für Einlagen ihrer Kunden verlangen und dies zu immer mit einem immer niedrigeren Freibetrag.

Gleichzeitig sind die Inflationsraten ständig weiter gestiegen, auch in Deutschland hat man bereits 2,3 Prozent bei den Verbraucherpreisen erreicht.

Nach Berechnungen des Vergleichsportals Verivox sind es bereits 357 Banken, die Negativzinsen von Privatkunden verlangen, mit ständig steigender Tendenz.

Fast doppelt so viele wie noch Ende 2020. Und fast täglich werden es mehr. Zunächst galt ein hoher Betrag von 100.000 Euro von dieser Abgabe verschont, inzwischen ist man in Einzelfällen schon bei einer Obergrenze von 5000 Euro angelangt. Die finanzielle Repression erfaßt also auch die Klein-Sparer mit Wucht.

Die großen Profiteure

Ausgehend von Mario Draghis bedeutsamsten Satzes in der Geschichte der Notenbanken „Within our mandate…. whatever it takes..“, der die Spekulation gegen die EU-Südstaaten ohne eine einzige Maßnahme zum Erliegen brachte, haben die Länder der Eurozone (die Staatshaushalte, nicht die Sparer) von den sinkenden und vom Quantitative Easing gepushten Zinsen profitiert. Speziell auch Deutschland, dessen Verschuldung von über 80 Prozent nach der Finanzkrise bis auf unter 60 Prozent gefallen war – vor Corona, und ohne großartige Sparmaßnahmen durchzuführen. Die schwarze Null, ein „Geschenk“ der Zinspolitik der EZB. Damit haben auch (bisher) die deutschen Steuerzahler profitiert.

Noch ein Wort zur Realrendite bei kurz laufenden Papieren: Diese gab es fast noch in keiner Periode nach dem Zweiten Weltkrieg. Das risikolose Anlegen brachte keine großen Erträge, nur ist dies bei höherer Inflation nicht aufgefallen und schließlich musste man nur (theoretisch) Steuern auf die Zinserträge berappen. Nur hat der Staat in den 1970/80-er-Jahren nicht nachgehakt, es gab zu dieser Zeit auch die berühmten Tafelpapiere.

Eine aktuelle Auswertung zeigt nun, dass der deutsche Fiskus dabei zu den größten Profiteuren gehört.

Der Vorteil für die Staatshaushalte

Die Zinspolitik der europäischen Zentralbank hatte augenscheinlich einen großen Zweck: Die Zinsen in der Eurozone sanken seit der Finanzkrise deutlich, speziell in den südlichen Mitgliedsstaaten, um einige Prozent im Schnitt. Mario Draghi hatte den reformunwilligen Staaten mittels seiner Geldpolitik Arbeit abgenommen, trotz gestiegener Schulden fiel die Zinslast für die Haushalte – überall.

Aber dieser Effekt ist ganz besonders in Deutschland zu registrieren, wo der Staat für seine Anleihen gar keine Zinsen mehr bezahlen muss – er profitiert sogar noch von einer Schuldenaufnahme zu Minuszinsen. Nach der Finanzkrise 2009 musste der deutsche Staat noch 3 Prozent Rendite für seine zehnjährigen Papiere bieten, für die Kurzen noch etwa halb so viel.

Und heute? Minus 0,30 Prozent für die Langläufer und für die 2-Jährigen fast minus 0,7 Prozent, kein Wunder, das mit der schwarzen Null, bis vor Kurzem. Nach Berechnungen von Bloomberg ist die Durchschnittsverzinsung der ausstehenden deutschen Staatsanleihen von 2009 bis heute von etwas vier auf 1,3 Prozent gesunken.

In Zahlen: Die deutsche Zinslast betrug zum Ende der Finanzkrise 15 Prozent des Staatshaushalts, jetzt war dieser Zinsanteil auf unter sechs Prozent gesunken.

Die Effekte durch die Verlängerung der Laufzeiten

Aber eines haben die Finanzministerien der Staaten in besonderem Maße ausgenutzt. Sie haben die Laufzeit ihrer Staatsanleihen verlängert und sich die Zinsen damit für eine längere Periode gesichert. In Deutschland sind die Staatspapiere im Schnitt in sechseinhalb Jahren fällig (früher 5,5), aber noch deutlicher ist dieses Prozedere in anderen EU-Ländern zu erkennen. Die durchschnittliche Laufzeit beträgt in Spanien und Portugal siebeneinhalb Jahre, in Griechenland 9,5 und in Irland sogar 11,5 Jahre.

Die Verlängerung der Laufzeiten hat nicht nur einen Effekt auf die aktuelle Zinslast in den Staatshaushalten, sondern sie wird sich auch bemerkbar machen, sollte es tatsächlich zu einem substanziellen Tapering bei der europäischen Zentralbank kommen. Zinsanstiege werden sich erst mit Verzögerung in den Kassen bemerkbar machen.

Was die Finanzminister freut, verärgert zunehmend den deutschen Sparer, der sagenhafte 2,6 Billionen Euro auf Tagesgeld- und Girokonten liegen hat und dadurch unter finanzieller Repression besonders leidet.

Fazit

Bereits seit einigen Jahren ist das Thema „finanzielle Repression“ in Insiderkreisen bekannt. Richtig relevant wird es aber erst derzeit, weil sich zu den Null- oder Minuszinsen eine saftige Inflationsrate gesellt hat. Jetzt verschwindet auch nach und nach die Möglichkeit, das Kapital zumindest abzugsfrei auf Girokonten parken zu können. Geld-Sparer weichen nach und nach auf kostengünstige Indexfonds aus, die Zahl der Aktiensparpläne schießt in die Höhe. Aber gleichzeitig schafft das erzwungene Zinsniveau jede Menge an Nebenwirkungen, Fehlallokation an Kapital, Spekulationsexzesse.

Aber ob eine Korrektur an den Aktienmärkte an dieser Gemengelage mittelfristig etwas ändern kann? Wahrscheinlich nicht, die Verschuldung der Staaten könnte nämlich für etwas sorgen, was Aktien-Skeptiker jetzt überhaupt nicht lesen möchten..



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