Allgemein

Inflation: Christian Lindner maßregelt EZB-Chefin Christine Lagarde

Der monetäre Klimawandel ist damit nun endlich auch in der Eurozone auf dem Weg

Inflation: Christian Lindner maßregelt EZB-Chefin Christine Lagarde

In seiner Abschlusserklärung des G7-Gipfels auf dem Petersberg bei Bonn gab Bundesfinanzminister Christian Lindner ein folgenschweres Statement zur Inflation in Richtung der EZB-Chefin Christine Lagarde ab. Der monetäre Klimawandel ist damit nun endlich auch in der Eurozone auf dem Weg.

Die überschießende Inflation hat sich mittlerweile in das finanz- und realökonomische Geschehen der Eurozone tief hineingefressen. Nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den politischen Verantwortungsträgern schlägt die latente Inflationsangst offenbar gerade in akute Inflationspanik um. Anders ist der Kurswechsel nicht erklärbar, den Bundesfinanzminister Christian Lindner in seiner Abschlusserklärung am 20. Mai vor der Weltpresse bekannt gab. Der von Lindner verkündete dramatische Kurswechsel beinhaltet eine radikale Abkehr von den bisherigen fiskalpolitischen Zielen sowie der bislang geltenden monetären Doktrin der EZB. Wie diese Kehre um 180 Grad eingeläutet wurde, ist ein politisches Bravourstück, das eine nähere Betrachtung lohnt.

Inflation: G7-Gipfel als Bühne für Korrektur der EZB-Politik

Ort und Zeitpunkt wurden geschickt gewählt. Deutschland hat gegenwärtig die Präsidentschaft der G7 inne und richtete vom 18. bis 20 Mai den Gipfel der G7 auf dem Petersberg bei Bonn aus. Zeitgleich fand in Bonn eine Konferenz von 300 Wirtschaftswissenschaftlern statt, deren Diskussionen in ein gemeinsames Kommuniqué mündeten. Von Inflationsbekämpfung ist in diesem Kommuniqué nichts zu finden. Wohl aber von „inklusiver“ Klimapolitik, geplanter „Transformation“, der „Stärkung der globalen Gesundheitsarchitektur“, Maßnahmen zur „Entwicklung und Erschließung auch weiterer finanzieller Mittel […] aus innovativen Quellen“ und und und… Das Kommuniqué finden Sie hier.

Lindner: „Inflationsentwicklung stoppen“

Während die Wissenschaftler noch einmal die weltanschaulich reine Lehre für das mediale Schaufenster erklären durften, riss der Bundesfinanzminister zeitgleich die schöne alte Welt von Geldschwemme, Transformation und inklusiver Klimapolitik unwiederbringlich ein. Lindner erklärte in seiner Abschlusserklärung vom 20. Mai: „Den ersten großen Schwerpunkt des G7-Treffens hat die makroökonomische Entwicklung bestimmt. […] Es ist kein Geheimnis, wenn ich sage, dass in nahezu allen Gesprächssituationen – und auch den informellen Begegnungen – die makroökonomische Entwicklung eine ganz wesentliche Rolle gespielt hat. Ich will es auf den Punkt bringen: Die G7 ist entschlossen, mit konsequenten Maßnahmen die Inflationsentwicklung zu stoppen und das Wachstum zu stärken.“ Weil Lindner dieser Feststellung eine zentrale Bedeutung beimaß, wiederholte er sie noch einmal: „Wir sind deshalb entschlossen, mit konsequenten Maßnahmen die Inflation zu bekämpfen und das Wachstum zu stärken.“ Unmittelbar darauf wurde Lindner dann sehr deutlich in Richtung EZB und Christine Lagarde.

Lindner: Notenbanken haben „sehr sehr sehr große Verantwortung“

„Ich hab es mal nach meiner Überzeugung für mich auf den Punkt gebracht mit dem Satz: Die Notenbanken sind sehr sehr sehr sehr unabhängig. Aber sie haben auch eine sehr sehr sehr große Verantwortung in dieser Zeit.  [Lindner mit geschlossenem Mund schmunzelnd, kleine Pause] Für die staatliche Fiskalpolitik ist klar, wir müssen raus aus immer expansiveren Politikansätzen.“

Klassenlehrer Lindner maßregelt Klassenbeste Lagarde

Wir wollen kurz innehalten, zurücktreten und beides – sowohl die Sätze als auch die Szenerie – nachwirken lassen. Was hier vor sich ging, ist bildlich gesprochen dies: Der „Klassenlehrer“ tritt vor die versammelte Klasse und maßregelt öffentlich die „Klassenbeste“! Wem hier die Rolle des Lehrers zukommt und wem die Rolle der versagenden „Prima“, wird deutlich, als Lindner in Richtung EZB-Präsidentin Lagarde unmissverständlich erklärt: „In diesen Zeiten ist gute Wirtschaftspolitik nicht, immer neue Subventionen zu erfinden und alles mögliche, was wünschenswert ist, mit staatlichem Geld zu fördern“.

Dieser Satz steht in frontalem Gegensatz zu den monetären Klimazielen von Christine Lagarde sowie den indirekten Stützungsmaßnahmen für überschuldete Eurostaaten. Lindner sagte den Satz allerdings nicht nur in Richtung Christine Lagarde, sondern auch in Richtung der französischen und italienischen Regierungen sowie in Richtung seiner eigenen Koalitionäre. Dass Lagarde indes gemeint ist, steht vor dem Hintergrund der überschießenden Konsumentenpreisinflation von 7,4 Prozent außer Frage sowie der Tatsache, dass die Fed und die englische Notenbank ihre Zinsen ja bereits erhöht haben (und sich auch sonst von der Politik der Geldschwemme verabschiedet haben).

Hinzu kommt der Umstand, dass Lindner als amtierender Vorsitzender der G7-Staaten seine Pressekonferenz nicht zusammen mit Christine Lagarde abhielt, sondern gemeinsam mit dem Chef der Deutschen Bundesbank Joachim Nagel. Der Bundesbank-Präsident forderte in seinem Statement von der Europäischen Zentralbank denn auch ein entschlossenes Handeln. Wörtlich: „Die Zentralbanken müssen dafür sorgen, dass sich der sehr starke Preisauftrieb, den man beobachten kann, nicht verfestigt.“ Den Zeitpunkt für eine erste Zinserhöhung seitens der EZB sieht Nagel im Juli für gekommen, wenn alle Anleiheankäufe abgeschlossen sind. Weitere Zinsschritte, so Nagel, könnten dann „zeitnah folgen“.

Lagarde muss sich politischem Primat beugen

Die Präsidentin der EZB wird sich dem politischen Primat beugen müssen – Unabhängigkeit hin oder her. Das Inflations-Bekämpfungsmomentum, das wir in den USA bereits November 2021 erlebten, wiederholt sich. Damals hatte Präsident Biden den Fed-Chef Jerome Powell anlässlich dessen Nominierung für eine zweite Amtszeit verpflichtet, die Inflation wirksam zu bekämpfen. In seiner Rede vom 20. Januar 2022 erhob Biden dann auch offiziell die Bekämpfung der Inflation zum obersten Ziel seiner Politik.

Wie vor sechs Monaten Jerome Powell wird nun auch Christine Lagarde die neue politische Ausrichtung in der Eurozone nicht ignorieren dürfen. Zumal Lagarde aus Sicht der Politik ihre Chance gehabt hat. Und sie hat sie nicht genutzt: Schließlich hatte Lagarde die Inflation 2021 noch vollkommen ignoriert. Dann behauptete sie Anfang 2022, die Inflation sei nur transitorisch. Und schließlich war Putin Schuld, wahlweise auch China oder die Lieferketten. Den fundamentalen monetären Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflationsdruck, der genauso zentral ist wie banal, redete Christine Lagarde bis zum Schluss konsequent klein. Mit dem verheerenden Ergebnis, dass ihre Reputation – vorsichtig formuliert – auf Taschenformat geschrumpft ist. Zu Recht: Lagarde hätte mit ihrem Inflations-Axiom kein volkswirtschaftliches Proseminar über die „Grundlagen des Geldwesen“ überlebt.

Lagarde entzaubert – Glaubwürdigkeitsverlust begrenzen

Lindner hat Lagarde geschrumpft. Man ist gespannt, wie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, Marcel Fratzscher, der bisher alle Lockerungsübungen der EZB verständnisvoll begleitet hat, diesen schroffen Realitätsschub in der ARD kommunizieren wird. Fratzscher und Lagarde können ihr wirtschafts-ideologisches Besteck getrost in den Instrumentenkoffer zurücklegen. Beide sind nun (von höchster politischer Stelle) sozusagen offiziell amtlich entzaubert.

Seriöse Ökonomen wie Thomas Mayer oder Hans-Werner Sinn haben es kommen sehen. Bleibt nur noch der resignierte Seufzer: Wäre alles vermeidbar gewesen… Man möchte indigniert hinzufügen: MMT (Modern Monetary Theory) und seine Spiellarten haben sehr sehr viel Leid über die Menschen gebracht!



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

8 Kommentare

  1. Walter Brodowsky

    Endlich reagiert die Politik auf diese Amateure bei der EZB und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, die ganze Volkswirtschaften der Nordländer in die inflationäre Krise stürzen, nur weil verschiedene Südländer einfach nur Reformunwillig sind!

  2. Zitat: „Wir müssen die Inflation bekämpfen und das Wachstum stärken“.
    Klingt wie: Ich gehe nackt schwimmen ohne mich nass zu machen.

  3. Fratscher der Ja sager der EZB und unnötiger Geldbezieher!
    Man sollte ihn mal zu Harz4 schicken damit er es am eigenen Leibe spürt.
    Und die EZB gehört wegen Unfähigkeit abgeschafft!

  4. Auf der Bühne vor den Mikros gibt man sich tief empört und schimpft man auf Madame Lagarde. Hinter der Bühne bei Tisch prostet man ihr zu und sagt: „Passt schon, Christine.“
    Für mich alles erstmal nur taper talk. Hört nicht darauf, was sie sagen – guckt, was sie tun. Und getan hat die EZB bezüglich einer monetären Straffung bisher nichts, wird sie auch nicht. Kann sie gar nicht, außer vielleicht in homöopathischer Dosierung. Deshalb wird sie ihrem Motto treu bleiben: Fiat pecunia!

  5. Lindner hat versäumt mitzuteilen, welche Einsparungen die Regierung zur Inflationsbekämpfung plant.
    Er hat da wohl etwas nicht richtig verstanden, was die Ursachen von Inflation betrifft. Das Wachstum soll durch den Staat gestärkt werden und der Ukraine soll es an deutschen/EU-Geld nicht mangeln. Stärkung der Angebotsseite durch staatliche Ausgaben – das funktioniert nicht, der Staat produziert nichts verkaufbares. Außerdem gibt es noch die Koalitionspartner SPD und Grüne, die das Problem nicht sehen und weiter das Geld raushauen. Und die deutschen Zahlungen an die Ukraine kosten uns nichts, weil sie irgendwie über den IWF erfolgen?

  6. Linda Lindner-Teuteburg

    Nachdem Lindner und seine lächerlichen, zerstrittenen Liberalen die Ampel erpresst, dominiert und den Fortschritt zugunsten Bestverdienender maximal blockiert haben, sind sie in der Wählergunst auf 7% abgestürzt. Höchste Zeit, neue populistische Märchen zu lancieren.

  7. Aus dem Hauptquartier der EZB wird verlautbart: Wer hier auf die Türschilder der
    Büros schaut, liest fast nur Südeuropäisches.

    Und vermutlich war das auch immer so geplant, Deutschland findet garnicht statt.

  8. Diese Pseudo Elite ist nur eine reine Heuchlerbande.DE als Hauptsponsor der EU Profiteure hätte schon lange auf den Tisch klopfen sollen und müssen.Jüngstes Beispiel, das Klimawandel angehauchte WEF in Davos : SEHR VIELE TEILNEHMER reisen im Privatjet an, dafür ist eine grosse E- Autoflotte werbetechnisch für den Flughafentransit auf Platz.
    Wenn das mein 20järiger Diesel sieht fängt er an zu rauchen.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage