Wer Staatsanleihen und Bankanleihen kauft, kann sich nicht mehr auf dem heiligen Versprechen ausruhen!

FMW-Redaktion

Jahrzehntelang galt das heilige Versprechen: Staatsanleihen und Bankanleihen sind sicher. Den Profi-Anlegern ist inzwischen längst klar, dass das nicht mehr gilt. Es gibt diesen sicheren Hafen nicht mehr. Einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit, und was das auch für den braven deutschen Kleinsparer und Inhaber von Lebensversicherungen bedeuten kann…

Frankfurt Staatsanleihen
Die Frankfurter Bankenszene stellt sich auf das neue Risiko ein. Foto: Christian Wolf / Wikipedia (CC BY-SA 3.0 de)

Staatsanleihen

Die Zeiten haben sich endgültig geändert. Bis vor wenigen Jahren galt das eiserne Gesetz, dass die Anleihen von Industrieländern und zumindest von namhaften Emerging Markets-Ländern eine sichere Bank waren – vom Empfinden her wie ein Sparbuch bei der Sparkasse. Immer mehr handfeste Beispiele zeigen, dass auf Staaten als Schuldner kein Verlass mehr ist.

Argentinien gilt als Klassiker. Man war pleite, konnte nicht zahlen, und vereinbarte mit fast allen Anleihe-Gläubigern eine Umschuldung, was zu Teilverlusten für die Anleiheinhaber führte. Die Gläubiger, die nicht zustimmten, bangen noch heute in gerichtlichen Scharmützeln darum, ob sie alles zurückerhalten oder alles verlieren.

Puerto Rico, ein US-Außengebiet in der Karibik, dass weder eigener Staat noch regulärer US-Bundesstaat ist, darf aber in Eigenregie Schulden machen, was direkt und indirekt zu insg. 73 Milliarden Dollar Schulden führte. Seit wenigen Wochen ist die Staatspleite auf der 3,5 Mio Einwohner-Insel eingetreten. Man zahlt jetzt nur noch die wichtigsten Anleihen zurück, die offiziell den höchsten Schutz-Status genießen – aber auch für die wird das Eis immer dünner. Die Möglichkeit ist durchaus gegeben, dass in den nächsten Monaten ein Weg gefunden wird, durch den Puerto Rico Zugang zu einer Art staatlicher Insolvenzordnung erhält. Dann verlieren die Anleihe-Besitzer (in dem Fall Fonds und Hedgefonds) große Teile ihrer Investitionen. Falls es nicht zu so einer Insolvenz kommt, kann es ein jahrelanges Ringen um einzelne Anleihe-Rückzahlungen geben.

Die Ukraine ist ebenfalls seit Ende Dezember 2015 de facto in der Staatspleite, weil man eine 3 Milliarden US-Dollar-Anleihe an Russland nicht zurückgezahlt hat. Die Kassen chronisch leer, Streit in der Regierung und im Parlament, Korruption, Wirtschaftseinbruch usw. Private Gläubiger, wozu als größter Einzelposten Templeton Investments zählt, hatten sich letzten Herbst mit der Ukraine auf eine Umschuldung mit Schuldenschnitt (20% Verlust für die Gläubiger) geeinigt, damit zumindest die Möglichkeit besteht, dass durch kleinere Rückzahlungstranchen die Ukraine mehr Luft zum Atmen hat, und die Gläubiger an ihr Geld kommen.

Der große Schuldenschnitt von 2012 in Griechenland ist der sogenannte Präzedenzfall, und das innerhalb der EU. Griechische Staatsanleihen im Wert von gut 200 Milliarden Euro wurden umgetauscht in neue Anleihen, wobei die Gläubiger auf 53,5% des Nennwerts verzichteten. In diesem Fall waren es größtenteils französische und deutsche Banken, die aus Angst vor noch mehr Verlusten diesem Schnitt zustimmten. Von der breiten Öffentlichkeit wurde dieser große Schritt schnell vergessen, aber gerade indirekte Investoren, Privatkunden, die einem normalen Fonds, einem Dachfonds oder einer Lebensversicherungsgesellschaft Geld geben ohne genau zu wissen wo es investiert wird, werden mit großer Wahrscheinlichkeit die zukünftigen Leidtragenden sein, wenn ihre angelegten Gelder vielleicht sogar Verluste aufweisen.

Bankanleihen

Wir nutzen an dieser Stelle mal den Oberbegriff „Bankanleihen“. Es gibt viele Begriffe, die in die selbe Kategorie fallen. Bringt ein Kunde Geld zu seiner Bank und deponiert es dort als Sparbuch, Termingeld, auf dem Girokonto, kauft Sparkassenbriefe, Bankobligationen oder Zertifikate, wird er in allen Fällen zum Gläubiger der Bank. Ja, auch bei Zertifikaten, denn die sind trotz des schön klingenden Namens nichts anderes als ein Schuldschein der Bank. Nach den neuen Richtlinien der EU werden bei der Sanierung von Banken zukünftig zuerst die Eigentümer (Aktionäre) und die Gläubiger der Banken in Haftung genommen, damit die Steuerzahler nicht einspringen müssen.

Ausgenommen davon sind sogenannte Sichteinlagen, also Girokonto, Sparbuch und Termingelder bis zu 100.000 Euro europaweit. Die meisten deutschen Banken sind auch noch zusätzlich für Sichteinlagen abgesichert, aber beim Crash einer wirklich großen Bank in Deutschland hilft das am Ende auch wenig. Wer auf jeden Fall voll zur Kasse gebeten wird bei einem zukünftigen Bankendebakel, sind die Kunden, die Bankanleihen und Zertifikate kaufen, oder hohe Sichteinlagen ab 100.000 Euro bei einer Bank haben. Sie sind Gläubiger, deren Forderung gegen die Bank entwertet wird um die Bank zu entschulden.

Bei der im Jahr 2012 stattgefundenen Bankenpleite auf Zypern wurde dieses Muster zum ersten Mal in der Realität in der EU angewandt. Also ist dies kein Märchen oder theoretisches Szenario mehr! EU-Institutionen und IWF schossen zwar Milliardensummen zu, aber große Teile von Bankguthaben über 100.000 Euro wurden entwertet – betroffen waren in diesem Fall viele reiche Russen, die auf Zypern ihr Geld geparkt hatten.

Was heißt das für den deutschen Privatanleger?

Sie sind Kunde bei einer ganz normalen deutschen Bank oder Sparkasse? Sie besitzen Sparkassenbriefe, Bankobligationen, Zertifikate? Oder zahlen Sie vielleicht fleißig in eine Lebensversicherung ein? Wenig Rendite, ist schon klar, aber egal, LV ist LV, nicht wahr? Was haben Staatspleiten, Schuldenschnitte usw am Arsch der Welt mit mir zu tun? Mein Geld liegt doch bei der ABC Bank bei mir um die Ecke oder bei der XYZ-Versicherung in Frankfurt. Ist doch alles in Ordnung, richtig? Falsch.

Lebensversicherungen können ihren Kunden überhaupt nur Renditen ermöglichen, wenn sie die eingezahlten Kundengelder am Kapitalmarkt arbeiten lassen. Damit diese Geldanlagen trotzdem relativ risikoarm bleiben, werden große Teile der investierten Gelder in sogenannte „mündelsichere Geldanlagen“ investiert, also z.B. in Staatsanleihen, die als sicher gelten. Der deutsche Staat emittiert aktuell sogar Anleihen mit einer Minusverzinsung – de facto müsste also das Versicherungsunternehmen Geld drauf legen, wenn es diese Anleihen kauft. Also bleibt überhaupt nur die Möglichketi auszuweichen auf risikoreichere Anleihen, die besser verzinst sind.

Das Risiko steigt. Die LV muss für die Kunden Rendite erwirtschaften, deutsche Staatsanleihen bringen aber jetzt sogar Verluste ein. Also muss Risiko her, und nur auf französische Anleihen auszuweichen würde für die Rendite auch kaum etwas bringen. Die Gefahr wird also zunehmend größer, dass man bereit ist für überhaupt irgendeine Art von Verzinsung auf noch risikoreichere Staaten als Emittenten auszuweichen. Gehen die pleite oder kommt es zu Umschuldungen/Schuldenschnitten, wird es sehr schmerzhaft, letztlich für den Kunden, der in die LV einzahlt.

Man nehme eine Landkarte und markiert überall auf dem Planeten Fälle, in denen namhafte Länder Schulden nicht mehr so richtig zurückzahlen oder umschulden. Von den Pleiten mehrerer US-Kommunen sprechen wir jetzt mal gar nicht. Auch in der EU wurden Bankkunden schon zur Kasse gebeten, und in Griechenland gab es schon einen großen Schuldenschnitt. Die Tabus sind alle gefallen, die alten unausgesprochenen Versprechen gegenüber dem Käufer von Schulden sind nichts mehr wert.

Es ist wie beim Autokauf. Niemand rennt ohne vorher zu überlegen in einen Autosalon und sagt zum Verkäufer „ich will ein Auto haben, ich vertraue ihnen, machen sie mal, irgendein Auto, egal…“. Nein, der deutsche Autokäufer überlegt, vergleicht, informiert sich, wochen- und monatelang. Schon seit der Finanzkrise, aber jetzt an erst recht seit den jüngsten Vorkommnissen bei Staatsschulden, die das Vertrauen in Anleihen endgültig zerstört haben, muss sich der Privatanleger genau überlegen, worin er investieren will. Das kostet nun mal Zeit! Auch von Hochglanzprospekten und vorgegaukelter Sicherheit wie „Mischfonds“, „Dachfonds“, „Zertifikat“ oder „Lebensversicherung“ sollte man sich nicht blenden lassen, sondern das Kleingedruckte lesen und sich in Ruhe informieren, wessen Schulden man da kauft und wie groß das Ausfallrisiko ist. Wohin fließt mein Geld letztlich? Das ist die Frage, die man seinem „Berater“ stellen sollte. Die Finanzkrise 2008 und marode Staatsfinanzen zeigen: Ratingagenturen ducken sich weg, wenn es um Haftung geht, Bankberater und alle anderen ebenso. Der Verlust bleibt ganz am Ende der Kette hängen, bei Ihnen!



Kommentare

Wer Staatsanleihen und Bankanleihen kauft, kann sich nicht mehr auf dem heiligen Versprechen ausruhen! — 3 Kommentare

  1. Sehr schöne Zusammenfassung. Ich fürchte auch, daß am Ende wieder alles auf die Kleinsparer abgewälzt wird. Entweder direkt über Bailins oder indirekt über Verluste bei publikumsstarken Anlagevehikeln, wie Renten- und Lebensversicherungen oder verschiedenen Fonds, die allesamt auf einem riesigen Berg an Staatsanleihen sitzen. Sollte die Regierung erneut die Banken retten (man weiß ja nie), schlägt sich das außerdem in höheren Steuern, Sozialabgaben und Leistungskürzungen im Bereich Soziales nieder. Da bleibt nur zu hoffen, daß die Nahe-Null-Zinsphase noch ewig anhält, sonst brennt die Hütte.

  2. „Nach den neuen Richtlinien der EU werden bei der Sanierung von Banken zukünftig zuerst die Eigentümer (Aktionäre) und die Gläubiger der Banken in Haftung genommen, damit die Steuerzahler nicht einspringen müssen.“

    Ich glaube, das wird noch von der Position heraus etwas zu sehr unterschätzt: was glaube man, warum man lediglich Depotinhaber und nicht -eigentümer ist? Aktien in jedem Bankdepot sind nur Schuldscheine nach außen, da nur eine Inhaberschaft für den Käufer besteht – gute Frage: wer ist dann der Besitzer/Eigentümer? Viel Spass beim Nachdenken…

    (PS.: „Geld“ muss vernichtet werden – Aktien sind überschüssiges Spielkapital)

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