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Der kaputte globale Anleihemarkt: Pleiten und Sektlaune gleichzeitig

FMW-Redaktion

Nicht nur der Anleihemarkt für Staatsanleihen, auch der für Unternehmensanleihen ist zunehmend kaputt. Wo es an der einen Stelle zu enormen Pleitewellen kommt, herrschst andernorts derzeit Sektlaune. Aber wie man es aus dem realen Leben kennt: Nach der Sektlaune folgen die Kopfschmerzen…

Anleihemarkt EZB-Mario-Draghi
Einer der Hauptauslöser für zunehmend kaputte Anleihemärkte: EZB-Chef Mario Draghi. Foto: EZB

Staatsanleihen

Durch die Negativzinsen der EZB ist der Anleihemarkt in der Eurozone zunehmend kaputt bzw. chaotisch. Einerseits überflutet die EZB alles mit ihrem frisch gedruckten Geld. Sie darf aber, um offiziell den Anschein einer direkten Staatsfinanzierung zu vermeiden, nicht direkt in der Anleiheauktion (Primärmarkt) aus Käufer von Staatsanleihen auftreten, sondern muss warten, bis die Anleihen nach der Emission am Sekundärmarkt, also am frei handelbaren Anleihemarkt zu kaufen sind. Den Primärmarkt, also die direkte Anleiheemission von einem Staat, bearbeitet exklusiv eine kleine Gruppe von Banken, die von den jeweiligen Staaten als sogenannte „Prime Broker“ zugelassen werden. Sie können in der Auktion direkt vom Staat die ganz neuen Anleihen kaufen.

Dann verkaufen sie diese Anleihen weiter an Kunden, am Interbankenmarkt, in elektronischen Plattformen oder eben an die EZB. Die Prime Broker haben derzeit anscheinend Probleme reibungslos Anleihen großer europäischer Staaten einfach so nach der Auktion weiterzureichen. So hat z.B. Frankreich vor Kurzem eine 50jährige Laufzeit begeben. Nachdem erst jetzt genug Nachfrage für diese Laufzeit vorhanden gewesen sei, so Offizielle aus Paris, kam die Auktion mit Verzögerung zustande. Tja, da gibt´s wohl noch ein paar Zinstaler für 50 Jahre… Italien arbeitet normalerweise mit Laufzeiten von 15 und 30 Jahren, hat aber jüngst eine 20jährige Laufzeit emittiert – man möchte wohl mehr auf die Investorenwünsche eingehen. Spanien wird wohl demnächst seine Volumen an 50jährigen Laufzeiten ausbauen, aufgrund der Nachfrage von Investoren. Was bedeutet das? Investoren sind so verzweifelt auf der Suche nach Zinsen, dass sie sogar 50jährige zunehmend nachfragen. Andere, wie wir heute berichteten, suchen ihr Glück in hochverzinsten Anleihen relativ riskanter Schuldner (Argentinien mit 7,5% für 10jährige).

In Japan war der Markt für Staatsanleihen vor Kurzem durch die Negativzinspolitik der dortigen Notenbank kurzfristig so kaputt, dass es mangels Investorennachfrage zu Liquiditätsproblemen kam. Aber nein nein nein, der Markt ist bestimmt in Ordnung, das waren wohl nur Missverständnisse Herr Kuroda. Saudi-Arabien wird wohl in Kürze zum ersten Mal seit 15 Jahren eine Staatsanleihe über 10 Milliarden Dollar (5jährige) am internationalen Anleihemarkt verkaufen. Der Zinssatz soll leicht über 100 Basispunkten über dem LIBOR liegen, wie man aus Bankenkreisen hört. Hier kehrt sich der Geldfluss durch den niedrigen Ölpreis um. Waren die Saudis jahrelang Käufer von Staatsanleihen, weil sie ihre Petrodollars irgendwo parken mussten, werden sie jetzt zu Kreditnehmern.

Unternehmensanleihen

In China gibt es aktuell gerade enorme Marktturbulenzen bzgl. Unternehmensanleihen. Eine breite Transparenz an Daten ist nicht vorhanden, aber die Beobachtungen von Branchenkennern sprechen eine klare Sprache. Nach dem Zahlungsausfall des staatlichen Unternehmens China Railway Materials in der letzten Woche stiegen die Risikoprämien im gesamten Sektor stark an. Zocker parkten nach dem Aktiencrash in China letzten Sommer viele Gelder in Unternehmensanleihen, in vermeintlicher Sicherheit. Der Schock von Markt für Unternehmensanleihen wirkte sich heute auch auf die Aktienmärkte in Shanghai und Hong Kong aus.

In den USA erreichen die Zahlungsausfälle bei Unternehmensanleihen mit 44 in diesem Jahr den höchsten Wert seit der Finanzkrise. Unternehmen können entweder Zins + Tilgung nicht mehr leisten, oder gehen gleich ganz den Bach runter. Als prominentes Beispiel diente vor Kurzem der größte Kohleproduzent der USA Peapbody Energy. Besonders betroffen von den Zahlungsausfällen ist aus naheliegenden Gründen der Energiesektor. Firmen wie z.B. Chesapeake Energy überleben aktuell, weil sie für die Verlängerung von bestehenden Kreditlinien de facto alle noch vorhandenen Vermögenswerte der Firma verpfänden.

Neben dem schwachen Ölpreis, der immer mehr Förderer jetzt konkret in den Ruin treibt, gibt es da ein Problem mit den so gern gesehenen Aktienrückkäufen in den USA, die langfristig wohl kaum bis gar nichts bewirken. Als die Gewinne der Unternehmen noch sprudelten, wurden gute Teile davon in den Rückkauf eigener Aktien gesteckt. Man wollte die Aktionäre mit gestützten bzw. gepushten Aktienkursen beglücken. Seit dem Hoch in 2014 aber gingen die Gewinne von S&P 500-Unternehmen im Schnitt um 18,5% zurück. Bei vielen Unternehmen sieht es noch deutlich schlechter aus. Neben ausbleibenden Gewinnen um hiermit Zins und Tilgung zu bezahlen, kommt hinzu, dass man vorher auch zusätzlich Kredite aufnahm für die Aktienrückkäufe. Keine bzw. schrumpfende Gewinne, wovon soll man dann seine laufenden Kreditlasten bezahlen?

In der Eurozone verhält sich die Lage (noch) anders. Die EZB hatte am 10. März offiziell verkündet ab Juni umfangreich Unternehmensanleihen in der Eurozone aufkaufen zu wollen. Was wir schon berichtet haben, nimmt weiter zu. Wie von mehreren Banken zu erfahren ist, nimmt die Aktivität bei der Neuemission von Investment Grade-Unternehmensanleihen zu, also „hochwertiger“ Anleihen mit guten Rating. Dazu dürften man vor allem Anleihen von Dax-Unternehmen zählen. Die können jetzt munter drauf los große Blöcke von Anleihen emittieren. Sie wissen: Banken, Broker und sonstige große Institutionelle kaufen jetzt in großem Stil auf, weil sie als eine Art Zwischenhändler vorhaben ab Juni zu höheren Kursen an die EZB weiterzuverkaufen. Denn jeder weiß: Die Jungs und Mädels im EZB-Tower in Frankfurt müssen ab Juni kaufen. Und wer kaufen muss (!), dem kann man höhere Preise abknöpfen.

Wir haben es prognostiziert und stehen dazu: Als nächster Schritt dürfte folgen, dass die EZB die „normalen“ Anleihekäufer komplett aus den Anleihen großer und guter Schuldner verdrängt, denn die EZB will ja nur die „guten“ Anleihen kaufen. Für die privaten Anleiheinvestoren bleiben da nur die minderwertigen Anleiheemittenten übrig. Die Geier mit Schrottbilanzen werden schon bald ihre Chance wahrnehmen und Nachranganleihen begeben, die wohl auch in großem Umfang gekauft werden. Für Banken und Börsianer herrscht jetzt Sektlaune. Vermehrte Emissionen bedeuten viele Abschlüsse = höhere Provisionserlöse. Die Kopfschmerzen kommen dann ein paar Jahre später, mit den ganzen (lästigen?) Kunden, die sich beschweren, weil die Anleiheemittenten pleite sind.



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3 Kommentare

  1. Sehr richtig der Artikel. Ich hatte ja Unternehmensanleihen mit hoher Bonität immer mal wieder als Investment ins Auge gefasst. Die letzten Jahre waren sie aber a) zu teuer und b) sind sie jetzt vollkommen uninteressant nachdem die EZB nun auch diesen Markt besetzen will. Staatsanleihen waren für mich nie wirklich eine Option.

    Von Anleihen egal welcher Art, würde ich ab sofort die Finger lassen.

    1. Ist das Problem nicht auch dieser Sozialismus, ob braun oder rot? Fast alle wichtigen Vermögenswerte in der Hand des Staates, der Staat der größte Arbeitgeber, und wir können in Nordkorea einkaufen, da Nordkorea bei uns ist.
      Marc Faber sagte bereits vor vielen Jahren, wenn die Interventionen des Staates das größte Glück für den „freien“ Markt und sein „Erstarken“ sind, dann sind ja Nordkorea, Zimbabwe und Kuba die reichsten Staaten der Welt. Zumindest mal theoretisch. Praxis ist doch egal! Nur nicht aus der Reihe tanzen in der Meinung. Sonst ist man raus, aus der Gesellschaft. Dann lieber GNTM schauen…

  2. Sollte nicht langsam erkannt werden, dass Anleihen nun die größte Blase der Menschheitsgeschichte sind?
    Was bleibt als Alternative? Edelmetalle oder Aktien? Geld unters Kopfkissen ist ja auch keine Lösung!

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