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RobinHood: Mega-Spekulation – aber was, wenn die Wirtschaft anspringt?

Derzeit reibt man sich verwundert die Augen über die Börsenberichte aus den USA: Die großen Indizes werden von der Geldflut und den nach wie vor bestehendem Anlagenotstand gegenüber dem Aktienmarkt nach oben getrieben, und dabei mischen Kleinspekulanten kräftig mit, bevorzugt mit dem Neobroker Robinhood. Zinsen und Inflation sollen zwar in diesem Jahr steigen, aber noch ist kein Druck im Kessel. Aber der eigentliche Hype spielt sich im Nebenwerte-Segment ab, dessen Steigerungsraten absurde Formen annehmen. Ursache dafür ist die stetig größer werdende Kundschaft von Robinhood, die mit den kleinen Titeln Umsätze generiert, die es noch zu keiner Börsenphase gegeben hat. Wie lange kann das noch so weiter gehen?

Die großen Stimuluspakete der US-Regierung und die Spekulanten von Robinhood

Irgendwie ist es schon ein großer Widerspruch: Da wird aus den USA berichtet, dass sich über 40 Millionen Amerikaner mit Lebensmittelmarken (Food Stamps) über Wasser halten, dass viele Millionen Menschen sogar hungern müssten. Auf der anderen Seite wird mit den Schecks der US-Regierung an den Börsen gezockt. Als die 600 Dollar Schecks bei den bedürftigen Verbrauchern ankamen, konnte man sofort einen großen Anstieg der Börsenumsätze erkennen, und das parallel zu den deutlich steigenden downloads der Trading-App von Robinhood. Wenn die Not im Lande so groß ist, wieso können die Umsätze dann sieben Mal so hoch ausfallen, wie zu früheren Zeiten? In meinem Artikel „Die US-Wirtschaft wird 2021 heißlaufen, und dann?“ habe ich dargelegt, dass die US-Wirtschaft im Jahr 2020 zwar um 3,5 Prozent geschrumpft war, was bei einer 21 Billionen-Dollar-Ökonomie nicht einmal eine Billion Dollar ausmacht, die Rettungspakete für Bürger und Wirtschaft aber schon ein Vielfaches davon betragen.

Das ist eben der Unterschied zu früheren Rezessionen. Nach 1929 ging es in vielen Kreisen um das nackte Überleben, kaum einer dachte daran, seine letzten Mittel einzusetzen, um sein Glück an der Börse mit Neobrokern wie Robinhood zu versuchen. Eben weil die Notenbanken die Geldmengen ausgeweitet haben und nicht verknappt wie damals, selbst in der aktuellen Rezession ist Geld zum Spekulieren da und bei den mittleren und höheren Einkommensschichten haben sich Cash-Bestände im dreistelligen Milliardenbereich aufgebaut. Weil Reise- und Freizeitaktivitäten nicht möglich waren.

Eine verrückte Welt – und es ist leicht vorstellbar, dass eine Wirtschaftserholung zu einem deutlichen Inflationsschub führen wird. Steigende Rohstoffpreise, die möglicherweise vor einem neuen Zyklus stehen, die große Geldmenge, die in die Wirtschaft fließt, heimische Dienstleister, die die Preise erhöhen, um Coronausfälle zu kompensieren, Gründe gäbe es einige, die für einen Preisschub sprechen.

Das viele Geld und die niedrigen Zinsen haben auch den Unternehmen geholfen. Anders als allgemein angenommen, ist die Verschuldung der US-Unternehmen in ihrer Gesamtheit (nicht der Zombieunternehmen) gar nicht so dramatisch hoch:

Corporate Debt - kein Zusammenhang mit Robinhood?

 

Der Russell 2000, das Objekt der Begierde

Was machen viele der neuen Anleger, sie kaufen Pennystocks und Optionen und dies mehrfach am Tag, weil es die Neobroker, RobinHood, TD Ameritrade, E-Trade und Co mit ihrem gebührenfreien Handel ermöglichen. Die neue Sozial-News-Plattform Reddit, mit Subforen wie wallstreetbets, tut ein Übriges.

Begonnen hatte das Ganze mit dem ersten Stimuluspaket im Frühjahr 2020. Millionen Menschen saßen im Lockdown, der US-Profisport lag darnieder und die App RobinHood bekam gewaltigen Zulauf. Zunächst engagierte man sich in den Aktien, die von der Pandemie profitierten: Hightech und „Stay-at-Home“. Nach den Aktiensplits von Apple und Tesla im August setzte eine Branchenrotation ein, zu Small Caps und Value, eine Entwicklung, die nach dem Wahlsieg von Joe Biden noch gewaltig an Fahrt aufnahm. Das Ganze gipfelt in dem starken Engagement in „TheMost Shorted Stocks“, über die Markus Fugmann in seinem gestrigen Abendvideo ausführlich berichtete. Wohin das geführt hat, sieht man an der Entwicklung des Nebenwerte-Index Russel 2000, der seit November alle anderen Indizes outperformt.

Kunden von Robinhood kaufen Nebenwerte aus dem Russell 2000

Zwei Jahre war der Index nur seitwärts gelaufen, während sich die Hightech-Werte verdoppelt haben. Nun das Comeback, das die Kurse in große Höhen geführt hat, mit einem Abstand vom Aufwärtstrend, von der 200-Tagelinie, von ungewöhnlichen 35 Prozent.

Aber eines sollte man nicht außer Acht lassen. Die Marktkapitalisierung des Russell 2000 beträgt gerade mal ein Zehntel der Kapitalisierung des Gesamtmarktes Wilshire 5000, der mit über 41 Billionen Dollar erst kürzlich ein Allzeithoch erreicht hat. Mit seinem Überindex, dem S&P 500, dessen Bewertung über 33 Billionen Dollar ausmacht. Von dort geht die große Gefahr aus, mit Werten im Billionen-Bereich, die den ganzen Weltindex MSCI World mitreißen können.

Wann flacht der Boom ab?

Jetzt soll es noch einmal ein großes Rettungspaket geben, in Höhe von 1,9 Billionen Dollar und mit Schecks von 1400 Dollar pro Person, auf den viele RobinHooder schon sehnsüchtig warten. Bis Mitte März wird der Kongress darüber entschieden haben. Sollte sich eine Korrektur tatsächlich noch so lange hinauszögern?

Was aber wird mit vielen Jungtradern bei Robinhood und anderen Neobrokern anschließend geschehen, sollte sich die Impfstory in den USA weiter so fortsetzen wie bisher (bereits über 45 Millionen Impfungen)? Wenn die Wirtschaft sich weiter erholt, werden viele Hobbytrader dann nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren? Ein immer wieder erwähntes Argument: Werden viele Neulinge dann noch Zeit haben, x-fach am Tag Trades abzusetzen?

Wenn es also zu einer fälligen Korrektur beim Nebenwerte-Index Russell 2000 kommt, wird es ganz sicher ein kleines Massaker in den Depots der jungen Wilden und Unerfahrenen geben. Was zunächst nicht den großen S&P 500 und den Nasdaq betreffen sollte, im zweiten Schritt aber sehr wohl. Eine Nachschussverpfichtung (Margin Call) führt immer zu Notverkäufen und Liquiditätsbeschaffung bei den stabileren Assets und damit beim Gesamtmarkt und sogar bei Gold. Wie erwähnt: Größere Korrekturen müssen von den großen Indizes ausgehen. Das große Geld bereitet sich auch anscheinend schon auf einen Kursrückschlag vor, erkennbar an den vielen Käufen bei einem ETF auf steigende Volatilität (VVIX) sowie den Aktienverkäufen von Insidern, also Managern aus der Führungsetage der großen Konzerne.

Fazit

Die Notenbanken haben in Zusammenarbeit der Regierung mit ihrer Geldflut tatsächlich bisher einen Kollaps der Wirtschaft verhindert, aber zugleich gewaltige Risiken generiert. Eine ganze Anlegergeneration ist entstanden, die das viele Geld anscheinend nicht zum Leben braucht und mit den kostenlosen Trades bei Robinhood auf Teufel-komm-raus zockt und es wurde eine Geldmenge in die Welt gesetzt, die nicht rotieren darf. Wenn aber die in die Welt gesetzte Geldmenge beginnt zu rotieren, muss die Inflation anspringen, müssen die Kapitalmarktzinsen steigen, der monetäre Impuls jedoch rasch versiegen!

Schon seit Jahren ist die Vorhersage einer anspringenden Inflation eine der großen Fehlprognosen an den Märkten. Jetzt ist aber erkennbar, dass in Erwartung einer sich erholenden Weltwirtschaft ein deutlicher Preisanstieg bei nahezu allen Rohstoffen eingesetzt hat (nach einem Jahrzehnt der Stagnation), parallel zu Helikoptergeld und Stimuli, die noch weiter verteilt werden.

Kommt es demnächst zu dem beschriebenen Szenario? Aus wäre es mit der Party an der Wall Street und bei den Spekulanten von Robinhood, die im wahren Wirtschaftsleben wieder sehr viel weniger Zeit hätten und vermutlich auch nicht mehr die nötigen Mittel.

Der Markt wird es uns lehren!

Der Neobroker Robinhood und seine Kunden: was passiert, wenn die Wirtschaft sich erholt?



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1 Kommentar

  1. Avatar
    Optimismus - Zweifler

    Nur schade , dass die riesigen Rettungspakete den mindestens 12% Arbeitslosen so schnell keine Beschäftigung bringen und gemäss renommierten Fachleuten ein Vorcorona-Niveau noch auf sich warten lässt.Es gibt auch Leute die zu Recht meinen, dass Rettungspakete die Wirtschaft nicht ersetzen können und auch nur befristet sind..Auch Herr Zipfel meinte kürzlich, dass schon vor Corona die Rezession im Anzug war.Die Gründe, dass nach Corona besser sein sollte als vor Corona müsste man noch erklären können.Auch ein gewisser Herr Fugmann, einer der besten Wirtschaftskenner, hat schon auf diese Tatsache hingewiesen.
    Auch die heutigen Konsumentenvertrauen widerlegten die kürzlichen unverständlich guten ISM Zahlen.Anscheinend leben die Einkaufsmanager in einer anderen Welt als die Konsumenten.
    Den unteren 50% der Amis,denen es schon vorher bei Vollbeschäftigung verschissen ging, geht es jetzt zum Teil sehr beschissen.Da sie schon tausendmal erwähnt haben,dass das US- BIP zu 70% vom Konsum abhängt,könnten sie wieder einmal die Klarsichtbrille aufsetzen.
    P.S Die Ungewissheit von Wirkung und Nebenwirkungen des Impfstoffes bleibt bestehen.Anderseits ist in den USA wegen den vielen Unversicherten die Dunkelziffer hoch und eine weitere Welle sehr gut möglich

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