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Hintergrund

Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

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Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

2 Kommentare

2 Comments

  1. Wolfgang M.

    12. September 2018 09:37 at 09:37

    Ich habe den Eindruck, dass die Dax-Investoren derzeit mehr auf die China-Börsen schielen, als auf die US-Indizes. China ist in das Stadium eines Bärenmarktes eingetreten, war aber jahrelang für die Zuwächse im Welthandel verantwortlich. Verkauft Vw in dem Riesenreich nicht 4 Mio. Autos jährlich? Dagegen ist das US-Geschäft nur die zweite oder dritte Ebene. Man achtet anscheinend darauf, ob die Chinesen nochmals die Kurve kriegen. Sind wir im Jahr 2015 nicht auch schon mal 3000 Punkte abgestürzt, weil man einen chinesischen Wachstumseinbruch befürchtete?

  2. Wolfgang M.

    12. September 2018 17:20 at 17:20

    Ich weiß nicht, ob die Charttechniker registriert haben, wie viele Einzelwerte im Dax schon über 20% unter ihren Jahreshochs (also im Bärenmarkt-Territorium) notieren. Bayer, BASF, BMW, Co-Bank, Covestro, Daimler, Dt. Bank, Dt. Post und weitere …..bis Vw, und andere stehen nicht weit entfernt. Von Marktbreite keine Spur. Viele 200-Tageslinien knicken nach Jahren Aufwärtstrend nach unten ab. Wenn jetzt keine Shortsqueeze (Entspannung USA – China?) kommt …….?
    Sentimenttechnisch stehen die Zeichen nicht danach, da viele mit dem Septembereinbruch gerechnet und sich abgesichert haben. Wie viele Chartanaysen habe ich in den letzten Wochen/Monaten gesehen, wo 11700/800 oder sogar 11000 als Herbsttief ausgegeben wurden!
    Aber wie gesagt, wenn jetzt keine Wende beim Dax eintritt, werden die Signale nach unten (charttechnisch, fundamental) immer mächtiger. China spielt dabei als Wirtschaftsmotor für die Exportnation Deutschland aus meiner Sicht eine entscheidende Rolle.

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

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am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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Europa

Tschüß deutsche Immobilienblase! Wohnimmobilienkreditrichtlinie: weniger Kredite, fallende Preise!

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Von Markus Fugmann

Die Preise für Wohnimmobilien in deutschen Großstädten steigen und steigen – in den letzten fünf Jahren alleine um 45%! Aber damit könnte, damit wird wohl eher bald Schluß sein. Der Grund: die Wohnimmobilienkreditrichtlinie (WKR), die am 4. Februar 2014 von der EU beschlossen wurde und binnen zwei Jahren, sprich jetzt, in die nationale Gesetzgebungen umzusetzen ist (für Deutschland siehe die Texte hier). In dieser Woche werden erste Banken in Deutschland beginnen, diese Richtlinie umzusetzen – mit vermutlich dramatischen Konsequenzen für den deutschen Immobilienmarkt.

Dabei wird die Umsetzung dieser Richtlinie von den Banken nicht an die große Glocke gehängt – mit gutem Grund. Denn diese Richtlinie wird dazu führen, dass deutsche Banken deutlich weniger Kredite für Wohnimmobilien vergeben werden als zuvor. Denn mit dieser Richtlinie sind die Banken in der Haftung, wenn sie über die Risiken des Immobilienerwerbs nicht ausreichend aufgeklärt haaben. Und: mit dieser Richtlinie gilt, die Rückzahlung des Kredits durch den Kreditnehmer muss über die gesamte Laufzeit wahrscheinlich sein – in einigen Ländern wie UK oder Schweden zahlen die Kreditnehmer meist nur die Zinsen, tilgen aber nicht die Schulden an sich, da man von immer weiter steigenden Immobilienpreisen ausgeht.

In Deutschland ist das anders, aber dennoch sind viele Kredite auf „Kante genäht“, also sehr knapp kalkuliert. Kommt etwas dazwischen (Krankheit, Scheidung, Berufsunfähigkeit) schaut es schlecht aus – bislang haben Banken diese Risiken in Kauf genommen, nun wird der Fokus verändert: der Kunde muß unterschreiben, dass er sich solcher Risiken bewußt ist. Da Banken ab jetzt in der Haftung sind, könnte etwa ein Kunde, der nächsten Monat einen Immobilienkredit mit einer Bank abschließt, gegen die Bank klagen, wenn etwa klar wird, dass der Kunde gar keine ausreichende Rente erzielen wird um dann den Kredit bedienen zu können.

Also werden die Banken vorsichtiger und darauf drängen, dass der Kunde etwa eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließt, deren Ausschüttung so hoch ist, dass er selbst im Falle einer Berufsunfähigkeit die Kredite bedienen kann. Aber das wird teuer für die Kunden, das Geld, das so in die Berufsunfähigkeitsversicherung fließt, fehlt wiederum als disponibles Cash für einen Kredit. Gleichzeitig deutet sich an, dass die Banken bei der Berechnung dessen, wieviel etwa eine 4-köpfige Familie monatlich zum Leben braucht, die Sätze steil nach oben gehen werden: bislang liegt dieser Wert ca. bei 600 Euro pro Erwachsenem, inklusive zwei Kindern wird dann meist ein Wert von 1500 Euro veranschlagt.

Nach unseren Informationen aus Bankenkreisen wird dieser Wert deutlich nach oben gehen auf ca. 1800 Euro – damit haben die Kreditnehmer deutlich weniger „Luft“ für den Kredit. Und gleichzeitig werden die Banken auf eine erhöhte Tilgungsrate drängen – eben weil es wahrscheinlich sein muß, dass der Kredit zu Lebzeiten auch voll zurück gezahlt werden kann. Das bedeutet im Klartext: die monatlichen Tilgungsraten werden deutlich steigen. Schätzungen gehen von einem Anstieg von 50% aus – das würde bedeuten, dass wer bislang 1400 Euro pro Monat zahlte, nun ca. 2100 Euro monatlich berappen muß zur Tilgung des Kredits. Und das ist ein KO-Kriterium für viele Kreditwillige!

Nach Angaben von informierten Bankenkreisen geht man innerhalb der deutschen Banken davon aus, dass sich die Zahl der vergebenen Immobilien-Kredite so um 50% reduzieren dürfte, also faktisch nur noch jeder Zweite einen Kredit bekommen wird, der zuvor kreditwürdig war! Was das für die Preisentwicklung von Immobilien bedeuten wird, kann man sich ausrechnen!

Aber das eigentliche Problem wird dann noch auf viele Kreditnehmer zukommen, die in ihren Verträgen mit der Bank keine „Prolongierung“ vereinbart haben – das gilt vor allem für viele Privatbanken wie etwa die ING Diba, Sparkassen dagagen haben meist eine Kreditanschlußgarantie gewährt, was das Problem wesentlich entschärft, da die Verträge dann nach alter Rechtslage behandelt werden.

Ohne Prolongierung bedeutet: der Kreditvertrag wurde etwa für 10 Jahre ausgehandelt und muß dann neu verlängert werden. Bei dieser Verlängerung muß der Kunde dann gemäß der neuen Richtlinie nicht nur seine Kostenstruktur lückenlos nachweisen (was bei Privatbanken meist bislang nicht erforderlich war). Die Wohnimmoblienkreditrichtlinie wird auch dafür sorgen, dass sowohl die Tilgungsrate nach oben geht als auch die Anforderungen an die Kreditwürdigkeit deutlich steigen werden, eben damit die Rückzahlung des Kredits „wahrscheinlich“ ist. Wessen Kredit bislang „knapp auf Kante genäht“ war, dürfte also kaum mehr einen Anschlußkredit bekommen, wenn sich seine Einkommenssituation in der Zwischenzeit nicht deutlich verbessert haben wird. Und das bedeutet: viele werden dann mit leeren Händen dastehen, ihre Immoblie wird zwangsversteigert, da die Anschlußfinanzierung nicht gelingt. Mit der Zunahme von Zwangsversteigerungen wiederum werden die Preise für Wohnimmobilien vor allem in Großstädten unter Druck geraten.

Daher: es ist Zeit, der Immobilienblase in deutschen Grostädten „tschüß“ zu sagen. Die Flucht in Betongold ist meist mit dem Eingehen von Klumpenrisiken verbunden, die den Sicherheitssuchenden nicht einmal bewußt sind. Jede Wette, dass viele Kreditnehmer, die keine Prolongierung in ihren Verträgen vereinbart haben, sich der neuen Gesetzeslage und der damit verbundenen Änderung der Praxis bei der Kreditvergabe nicht einmal bewußt sind. Da wird es für Tausende ein böses Erwachen geben..

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Aktien

Exklusiv-Interview mit Florian Homm: „Unser Finanzsystem – Tod auf Raten oder Implosion“

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Von Markus Fugmann

Florian Homm war eine Größe in der Hochfinanz: extrem erfolgreich vor allem durch Short-Spekulationen, spielte er in der Champions League der Finanzmärkte. Dann der Absturz – die Vorwürfe gegen ihn dürften bekannt sein und müssen hier nicht noch einmal thematisiert werden. Nach dem Motto „Ist der Ruf erst runiert, lebt es sich gänzlich ungeniert“ hat Homm ein Buch geschrieben mit dem Titel „“Endspiel. Wie Sie die Kernschmelze des Finanzsystems sicher überstehen“. Es zählt zum Besten, was ich bisher gelesen habe. Kurz, knackig, Meinungs-freudig, allgemein-verständlich ohne zu banalisieren. Für Homm ist eines klar: unser Finanzsystem wird implodieren – oder einen langsamen Tod sterben.

Florian Homm 1
(Für das Foto danken wir Michael Uhlemann)
Im Gegensatz zu anderen „Crash-Autoren“ bietet Homm auch Lösungen an – originelle Lösungen. Was die Aussagen Homms so wertvoll macht, ist, dass ein absoluter Insider, der im Zentrum des „Geldadels“ war, nun als Außenseiter schreibt, der nichts mehr zu verlieren hat. Wenn Wahrheit entstehen kann, dann aus einer solchen Konstellation!

 

1. Finanzmarktwelt.de: Herr Homm, in Ihrem Buch „Endspiel. Wie Sie die Kernschmelze des Finanzsystems sicher überstehen“ antizipieren Sie den baldigen Crash eben dieses Finanzsystems. Nun haben die Finanzmärkte seit Jahresbeginn eine crashartige Bruchlandung erlebt. Ist das bereits der Beginn des“Endspiels“? Warum wird es zwangsläufig zu diesem Endspiel kommen müssen?

Florian Homm: Es gibt nur zwei mögliche Szenarien. Ein relativ abrupter Crash oder die Japanische Konstellation. Das Letztere bedeutet null Wachstum, null Zinsen verbunden mit einem konstanten Anstieg der Staatsverschuldung und einer schwachen Währung: also ein langsamer Tod auf Raten. Ich tendiere momentan eher zum Implosions Szenario, da die Gefahrenherde an Frequenz, Dimension und Vehemenz deutlich erkennbar zunehmen. Damit meine ich, unter anderem, Problem-Banken, Emerging Market Debt, Insolvenz- und Bankrottrisiken und so weiter. Es gibt keine Alternative zu diesen beiden Szenarien. In der gesamten Weltwirtschaftsgeschichte – bei derartig hohen Schulden verbunden mit wertlosem „Papiergeld“ –  gab es noch nie eine andere Lösung als massive Repression, Geldentwertung und sehr oft radikale Währungsreform. 

2. Finanzmarktwelt.de: Sie sprechen in Ihrem Buch vom Irrtum der Notenbanker, die durch Gelddrucken die Deflation nicht aufhalten können, weil sie das zurückhaltende Konsumverhalten der alternden Babyboomer nicht einkalkulieren. Noch wesentlicher aber scheint uns der deflationäre Druck der globalisierten Internetökonomie, durch die zahlreiche Branchen dem Untergang geweiht sind und globaler Abwärtsdruck auf Löhne entsteht. Sind die Notenbanker schlicht ideologisch zu verbohrt, um sich einzugestehen, dass Negativzinsen oder QE die Probleme gar nicht beheben können?

Florian Homm: Ich möchte jetzt nicht die diversen Kausalitäten der Deflation gewichten, aber Ihr Argument, dass das Internet ein Inflationskiller ist, hat selbstverständlich Hand und Fuss. Die „Notenbankster“ leiden unter diversen Störungen:

Einerseits sehen sie sich als allmächtige Weltretter. Nur durch ihr Einschreiten konnte das System 2008 / 2009 vor dem Kollaps gerettet werden. Das ist grober Unfug. Gelegentlich muss ein faules und infiziertes System bereinigt werden. Diese systemischen Fehler nicht zu beheben oder zu behandeln, vergrößert nur das zukünftige Debakel. Störung Nummer 1: Größenwahnsinn und Selbstüberschätzung.

Andererseits sind die meisten Notenbanker ehemalige Banker und dienen primär Ihren ehemaligen Kollegen und Arbeitgebern. „Man weiss ja nie“, denken die sich. Es kommt sehr häufig vor, dass ehemalige Notenbanker wieder im Investment Banking Fuss fassen wollen. Die FED, die amerikanische Notenbank, ist im Privatbesitz diverser Banken. Die EZB und FED werden von ex Goldman Leuten geführt. Diese Damen und Herren orientieren sich doch nicht an den Bedürfnissen der breiten Masse. Störung Nummer 2: Nepotismus und erhebliche Interessenkonflikte.

Die Zukunft der Menschheit wird aktuell auf Basis von theoretischen ökonomischem Modellen a la John Maynard Keynes durch analytisch, emotional und wissenschaftlich  überforderte Theoretiker determiniert. Zudem werden Massnahmen ergriffen, die seit über 2 Jahrzehnten in Japan nichts gebracht haben und zur eklatanten, destruktiven Überschuldung geführt haben. 2 Jahre NIRP (negative interest rate policy) in Europa, und 8 Jahre ZIRP (zero interest rate policy) in den USA zeigen deutlich, dass diese Massnahmen gescheitert sind. Wer das nicht glaubt, sollte sich mal etwas genauer die lockere Geldpolitik der Bank of Japan seit dem grossen Nikkei Crash vor mehr als 20 Jahren anschauen. Störung Nummer 3:

Stupides, blindes, rechthaberisches Festhalten an rein theoretischen, eindeutig gescheiterten Konzepten. Das kann man auch Verbohrtheit nennen.

3. Finanzmarktwelt.de: Sie schreiben, dass der „Geldadel“ der faktische Machthaber sei, Politiker nur die Marionetten. Sie waren einst sehr reich und Teil dieses Geldadels – können Sie diese These illustrieren, etwa durch persönliche Erfahrungen, die Sie gemacht haben?

Florian Homm: Diese Netzwerke laufen auf nationaler, regionaler und globaler Basis. Bekannte globale Gremien für die Politik und den Geldadel sind die Bilderberg Stiftung und zum Teil auch das World Economic Forum. Man muss auch unterscheiden zwischen dem hochsituierten Management und den sehr großen Aktionärsgruppierungen und globalen Unternehmern. Die Letzteren haben viel mehr Macht. Einige Financiers, Hedge Fund Manager gehören auch zum Geldadel. 

Schauen Sie sich einfach die Namen der 2000 reichsten Weltbürger an oder die wesentlichen Eigentümer der 2000 größten börsennotierten Unternehmen. Diese „Player“ kommunizieren exzellent untereinander, um das Spielfeld so vorteilhaft zu gestalten wie möglich. Dazu gehören massive Lobby-Ausgaben. Es gibt eine bemerkenswerte Analyse, die zeigt, dass die 30 amerikanischen Unternehmen, die am meisten in den Lobbyismus investieren, in der Summe überhaupt keine Steuern zahlen. In den USA sind die Republikaner und Demokraten von verschieden Unternehmensgruppierungen mehr oder weniger legal gekauft. Die Wahlen sind somit reine Illusionen der Demokratie. Der Wähler kann nur entscheiden welche Lobby- Gruppe er wählt. Bei uns ist das leider auch zunehmend so. 

In diesem Umfeld bewegte ich mich als relativ kleiner, aufstrebender Hai, eher projektspezifisch als Investment Banker, Wagniskapital Financier oder Hedge Fonds Manager. Zugang zu sehr wichtigen Playern hatte ich schon, auch privat. Einige der Spielwiesen um diese Kontakte zu hegen und pflegen sind Porto Cervo, St. Tropez, Sankt Moritz, den Hamptons, London, New York, Moskau, St. Bartholomew und so weiter. Über die Namen meiner aktuellen und ehemaligen Kunden rede ich seit drei Jahrzehnten nicht. Politisch habe ich die Präsidentschaftswahl der Staatspräsidentin von Liberia und Nobelpreisträgerin Ellen Sirleaf Johnson unterstützt. In Deutschland habe ich einen Beitrag zur Sanierung der sehr maroden Finanzlage der FDP geleistet. 

4. Finanzmarktwelt.de: Wir erleben derzeit einen regelrechten Kontrollverlust der Notenbanken und anderer zentraler Akteure des Finanzsystems: so führte etwa die Bank of Japan Negativzinsen ein, und dennoch erlebt der Yen eine Art „Aufwärts-Crash“. Big Player wie Goldman Sachs machen riesige Trading Verluste, weil ihre Trades auf dem Glauben an die Allwirksamkeit der Notenbanken aufgebaut waren. Sie haben immer noch Kontakt zu Mitgliedern des Geldadels – herrscht in diesen Kreisen bereits Panik?

Florian Homm: Nicht alle Mitglieder des Geldadels sind bornierte, seelenlose, raffgierige Vollidioten. Mittlerweile verstehen recht viele Player, dass dieser endlose Raubzug des Kapitals wenig Glück und Erfüllung bringt. Viele lateral denkende und smarte Mega-Reiche sehen das Debakel und die Geldschmelze als Chance, und sind mit ihren Milliardenvermögen zunehmend marktneutral oder tendenziell short positioniert. Leverage wurde reduziert und  minderwertige Assets abgestossen. Panik gibt es natürlich auch, prinzipiell bei den Akteuren, die an die Notenbank-Allmacht geglaubt haben oder an Ihre Investment-Banker.

5. Finanzmarktwelt.de: Sie schreiben: „Das Pulver ist bereits verschossen. Das System muß sich endlich auskotzen und dann von Grund auf wieder rekonstruieren(..). Griechische Zutände sind dann, selbst bei uns in Deutschland, unvermeidbar“. Dagegen glaubt die überwältigende Mehrheit der Deutschen noch, sie lebten auf einer Insel der Glückseligen und fühlen sich nur durch ein paar Flüchtlinge gestört. Wie wird in Deutschland die Bevölkerung reagieren, wenn sie dann schließlich ahnt, was auf siezukommen wird? Teilen, Verzicht, Demut – all das scheint für 99% unserer Gesellschaft doch noch sehr weit weg zu sein..

Florian Homm: Schauen wir uns doch mal unsere Exporte an. Über die Hälfte geht nach China, in Entwicklungsländer und Problemstaaten in der EU. Die Wirtschaft in den USA wird seit fast 8 Jahren mit der größten Marktmanipulation der Weltgeschichte künstlich aufgepäppelt. Das funktioniert nicht ewig, wie bereits deutlich zu erkennen ist.

Bei einer wirtschaftlichen globalen Capex (Capital Expenditure) Rezession oder Depression, wer soll denn dann noch Engineering made in Germany kaufen? 

Deutschland profitiert derzeit von niedrigen Zinsen, niedrigen Öl/Rohstoff (Input) Preisen und einem recht schwachen Euro. Besser kann es nicht laufen. Noch läuft die Binnenkonjunktur noch gut, aber viele Mikrozahlen indizieren bereits eine dramatische Verlangsamung im Export. Glauben Sie der Baltic Freight Index oder der Bloomberg Commodity Index lügt? Es riecht förmlich nach einer globalen Rezession. Seit dem Sommer 2016 empfehlen wir unseren Kunden: Sell on the good news, go away and do not come back for a very, very long time. Uns steht ein Paradigmen-Wechsel bevor, und die Epoche des ungedeckten Papier Geldes geht nach 44 Jahren seinem Ende zu. Und vor diesen bedrohlichen Megatrends soll Deutschland isoliert sein? Please!!

 

6. Finanzmarktwelt.de: Sie sagen, Sie seien nun viel glücklicher als zu den Zeiten, als Sie reich, aber als workaholic extrem gestreßt waren. Damals, so sagen Sie, dienten Sie nur dem Mammon, nun dem Menschen. Hatten Sie eine Art „Saulus zum Paulus-Erlebnis“? Brauchte es eine Art „persönlichen Crash“, wie Sie ihn erlebt haben, um zu dieser Einsicht zu gelangen?

Florian Homm: Meine Bekehrung war graduell, aber es gab auch einige Schlüsselergebnisse. Irgendwann habe ich Jesus und Maria gebeten mich zu Ihnen zu nehmen oder mir die Möglichkeit zu geben Ihnen zu dienen. Meine Gebete wurden erhört. Ich war der erste Auslieferungshäftling, der seit 3 Jahrzehnten nicht von Italien in die USA ausgeliefert wurde. Ich empfehle Ihnen 225 Jahre Knast oder das Testimonial auf meiner persönlichen Webseite (www.florianhomm.org) zu lesen. 

7. Finanzmarktwelt.de: Eine Fernsehdokumentation über Sie hatte den Titel „Der Kapitalist Gottes“, unter Anspielung auf Ihre Hinwendung zum Christentum. In Ihrem Buch aber schreiben Sie, dass Sie „Die Linke“ wählen werden. Warum? Schließlich dürfte das für die mittelständischen Unternehmer, die Sie als Garanten des Wohlstands in Deutschland beschreiben, das Leben deutlich erschweren..

Florian Homm: Die Frage macht Sinn, denn die nahezu totale Erbschaftssteuer, die die Linke propagiert, fördert die amorphen, globalen, übermächtigen, steueroptimierten Konglomerate. Auch beim Thema Wagniskapital ist die Linke dünn besetzt. Aber was Banken-Regulierung, Währungspolitik, TTIP, die gesunde Streuung von Vermögenswerten und Wirtschaftsprognosen betrifft, sind Gysi und Wagenknecht weitaus kompetenter als CDU, CSU und SPD Bürokraten. Nur die Linke weist zur Zeit effektiv auf gravierende fundamentale Fehler in unserer Finanz und Wirtschaftspolitik hin. Eine stärkere Linke ist dringend notwendig, damit die Bürger ein fundiertes, analytisches Pendant zur Propaganda der Regierenden und des Geldadels haben. 

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