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Schweizer Franken 1,20-Skandal: Neue brisante Hintergründe

Redaktion

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am

Von Stefan Kasper-Behrs

Drei Jahre lang verhinderte die Schweizer Nationalbank mit massiven Interventionen am Devisenmarkt eine Aufwertung des Schweizer Franken. Am 15.01.2015 hob sie diese Stützung auf. Schockwellen gingen um die globalen Finanzmärkte, der Euro wertete in wenigen Minuten gegenüber dem Schweizer Franken um bis zu 30% ab, Schweizer Aktien brachen massiv ein. Zehntausende Anleger verloren ihre gesamten Einlagen, weil sie sich auf die Zusage der Schweizer Nationalbank verließen. Was geschah am 15.01.2015 wirklich? Der Schweizer Franken 1,20-Skandal: Neue brisante Hintergründe.

SNB Direktorium Wächter über den Schweizer Franken
Wächter über den Schweizer Franken: Das Direktorium der Schweizer Nationalbank.
Foto: Schweizer Nationalbank

Die Aufwertung des Schweizer Franken verhindern

Worum geht es überhaupt? Die Schweiz galt schon immer als Hort der Sicherheit. Im Zuge der Griechenlandkrise und der sogenannten „Eurokrise“ kauften sich immer mehr Anleger „Sicherheit“ – sie wechselten also ihre Euros und andere Währungen in Schweizer Franken, weil das Land und seine Währung als sicher und stabil gelten. Die dramatischen Folgen dieser nachvollziehbaren Sogwirkung: Der Schweizer Franken stieg und stieg immer weiter gegenüber Euro, Pfund und Dollar. Daraus ergaben sich zwei Probleme.

Erstens: Die Schweizer Industrie verlor an Wettbewerbsfähigkeit, ob im Tourismus oder in der Landwirtschaft. Die Touristen kommen größtenteils aus den umliegenden Ländern und müssen daher ihre Euros in den Schweizer Franken umtauschen, damit sie ihre Getränke, Skipässe und Restaurantbesuche bezahlen können. Durch den immer teureren Umrechnungskurs bekamen sie nach der Konvertierung ihrer Euros immer weniger Schweizer Franken – der Urlaub wurde somit immer teurer. Die Folge: die Touristenzahlen schwanden.

Zweitens: Die Schweiz hat eine durchaus beachtliche und wichtige Exportindustrie. Wenn die ausländischen Kunden in Schweizer Franken bezahlen müssen, wird der Kauf von Schweizer Produkten immer teurer. Zahlen sie z.B. in Euro, muss der Schweizer Exporteur selbst in Schweizer Franken tauschen und hat letztlich weniger verdient. Also: der Anstieg des Schweizer Franken wurde mehr und mehr zum Problem für die Wirtschaft.

Schweizer Franken einfrieren bei 1,20

So ersann die Schweizer Nationalbank die Idee, den Kurs von Euro gegen Schweizer Franken bei 1,20 sozusagen „einzufrieren“. Da alle Devisen zwischen Banken frei gehandelt werden, musste sie also in der Realität jede Menge Notenbankgeld (Schweizer Franken) virtuell drucken, um damit Euro zu kaufen, sobald Spekulanten den Kurs unter die 1,20 drücken sollten. Die SNB (Schweizer Nationalbank) kaufte in den letzten Jahren immer mehr Euros mit ihren selbst gedruckten Schweizer Franken. Die Folge: die Fremdwährungsreserven stiegen immer weiter und erreichten die Marke von 500 Milliarden Schweizer Franken. Mehrmals versprach die SNB (Video Pressekonferenz Dezember 2014) öffentlich an der dauerhaften Stützung dieser Schwelle festzuhalten (noch drei Tage vor Aufhebung wiederholt geäußert), wenn sie auch einschränkte, dass diese Maßnahme nicht für die Ewigkeit gedacht sei.


Hier ein Interview des Notenbankchefs kurz vor der Aufhebung der 1,20-Schwelle.

Auf diese Zusage verließen sich viele Fonds, Vermögensverwalter, Privatanleger und Spekulanten, und versuchten von der Schwelle Euro gegen Schweizer Franken ab 1,20 aufwärts Gewinne einzustreichen. Viele sahen nach wie vor die Möglichkeit als gegeben an, dass die SNB trotzdem irgendwann die Stützung aufgibt, und sicherten sich daher mit Stopp-Orders ab, obwohl eigentlich klar war, dass im Falle eines Unterschreitens der 1,20 eine massive Verkaufswelle einsetzen würde, und gesetzte Stopps möglicherweise nicht alle ausgeführt werden können.

Schweizer Franken kennt kein Halten mehr

Am 15.01.2015 hat die SNB dann aber völlig überraschend den Mindestkurs von 1,20 Schweizer Franken für einen Euro aufgehoben. Ein Desaster für alle, die sich auf die Aussage des Chefs der SNB Thomas J. Jordan verlassen hatten. Diese überraschende Nachricht, nicht am Wochenende, sondern mit desaströsen Auswirkungen an einem normalen Börsentag mitten im laufenden Handel zu verkünden, hat viele Kunden von Brokern und Vermögensverwaltern in den Ruin gestürzt.

Euro gegen Schweizer Franken
Der Chart zeigt den Euro gegen Schweizer Franken von Dezember 2014 bis Mai 2015. Gut erkennt man die durch die SNB erzwungene Schwelle von 1,20. Nur Minuten nach Veröffentlichung der Aufgabe der Schwelle durch die SNB stürzte der Kurs von 1,20 auf 0,97 am Tagesende. Ein Debakel für zehntausende Anleger.

In erster Linie suchte man die Schuld bei den Banken und Brokern. Eine Schar von Anwaltskanzleien entpuppte sich schnell als „Fachleute“ im Devisengeschäft und widersprach den Forderungen der Banken gegenüber ihren Mandanten, die neben Totalverlusten oft noch kräftig Geld nachschießen sollten (Nachschusspflicht). Sicher ist es in vielen Fällen bei Brokern und Banken, besonders bei den „Market Makern„, die sich gegen die Geschäfte ihrer Kunden selbst am Markt nicht absicherten und Stunden später schon ausgeführte Stopps löschten und nach unten anpassten, sehr erfolgsversprechend auf Wiederherstellung des Kapitals zu klagen, aber kaum eine Anwaltskanzlei hat sich mit dem Verursacher auseinandergesetzt! Sie sind meist nur profitorientiert und raten ihren Mandanten sich mit ihren Gläubigern zu vergleichen.

Schlamperei und Pfusch?

Kein Unschuldiger ist aus unserer Sicht die Schweizer Nationalbank! Es ist nicht zu beanstanden, dass die SNB die 1,20-Schwelle (Euro vs. Schweizer Franken) fallen ließ, denn es ist ja ihre Aufgabe als Nationalbank und Börsen-gelistetes Unternehmen ihrem Mandat bzw. ihren Anlegern gerecht zu werden. Zu beanstanden ist, wie und wann sie es tat. Man kann sicher der Meinung sein, dass es hier eine Irreführung seitens der SNB gab, aber rechtlich hat so eine Klage wohl wenig Sinn! Ich habe in den letzten Wochen und Monaten meiner Recherche immer wieder mit netten Leuten der SNB telefoniert und mich mit Ihnen per E-Mail ausgetauscht. Dabei ist mir etwas aufgefallen, was fast unglaublich scheint. Aber mal der Reihe nach:

15.01.2015 10:30.00 Uhr
Die SNB verschickt um Punkt 10:30.00 elektronisch die Nachricht, dass der Mindestkurs aufgehoben wird.

Ich habe noch einmal in meinem E-Mail-Postkasten geguckt und festgestellt, dass ich keine Mail von der SNB bekommen habe. Also telefonierte ich wieder mit der SNB und fragte nach, wer denn diese elektronische Nachricht bekommen hat. Die Antwort der SNB:

„Es haben lediglich die Medien auf unserer Mailing-Liste die Nachricht um 10:30 Uhr bekommen. Die Nachricht ist nicht an Banken oder andere Finanzdienstleister verschickt worden.“

Ich fragte nun, an welche Medien diese Mail ging. Die Antwort der SNB:

„Eine Liste der Empfänger der elektronischen Nachricht vom 15. Januar wollen wir nicht schicken.“

Warum gibt die SNB mir keine Liste der Empfänger? Wer gehörte zum erlauchten Kreis dieser begehrten Nachricht? Ich mache mich nun selbst an die Arbeit und checke mal ab, wann die großen Medien die Nachricht veröffentlicht haben.

Bloomberg: 10:31.35
Reuters: Nach 10:34
dpa-AFX Nach 10:34
Neue Züricher Zeitung 11:40 Uhr

Nach meiner Recherche war die schnellste Agentur „Bloomberg“ – man konnte die Meldung 1 Minute und 35 Sekunden nach Erhalt durch die SNB veröffentlichen. Als Kurs- und Nachrichtenversorger nutzen professionelle Händler einer Bank überwiegend Bloomberg oder Reuters.

Bei Reuters hatte der zuständige Mitarbeiter die Mail der SNB übersehen. Auf Nachfrage teilte mir Reuters mit, man sei „schon sehr geschockt“ gewesen, dass einem das passiert wäre. Leider kämen auf diesem Mailkonto täglich 1000 Mails an, und da wurde diese wichtige Mail der SNB eben von dem Mitarbeiter schlichtweg übersehen. Deshalb veröffentlichte Reuters die Meldung erst knapp 3 Minuten später als Bloomberg. Kein gutes Zeugnis für Reuters! Weder Reuters noch Bloomberg wollten mir die Mail der SNB zukommen lassen!

15.01.2015 10:30.45
Schauen wir uns jetzt eine Grafik an – die Daten stammen von der SNB und können im Original am Ende dieses Berichtes per Link runtergeladen werden.

Schweizer Franken Aufwertung am 15.01.2015

Man kann davon ausgehen, dass Bloomberg eine der schnellsten Medienfirmen war, die die Nachricht der SNB veröffentlichte. Erst 50 Sekunden nach dem Unterschreiten der 1,20, was eine sehr lange Zeit im Devisengeschäft ist, veröffentlichte Bloomberg die Nachricht. Aber schon gut 30 Sekunden nach 10.30 Uhr bauten sich Verkaufsorders auf! Die SNB behauptet, dass sie die ca. 200 Firmen, die auf ihrer Mailliste stehen, Punkt 10:30.00 elektronisch angeschrieben hat. Der Kurs fiel exakt um 10:30.45 das erste Mal unter 1,20. Die SNB war in den Jahren davor zur Stützung sehr aktiv im Devisenhandel gewesen. Die spannende Frage nun: Wann hat die SNB Ihre Partnerbanken informiert, dass sie nicht mehr für die SNB bei 1,20 kaufen sollten?

Selbst wenn die Anweisung parallel zur elektronischen Aussendung, nicht mehr für die SNB bei 1,20 bedingungslos zu kaufen, kam, hat man hier möglicherweise der Partnerbank einen Wissensvorsprung gegeben! Man weiß nicht über welche Banken die SNB ihre „Schweizer Franken“-Orders platzierte, aber man kann mit guten Gründen spekulieren, dass es sich hier um die größeren Banken in der Schweiz handelt. Diese Großbanken haben Händler, die die SNB vermutlich betreuen, und diese Händler sehen ggf. als erstes, dass die SNB die Stützungsorders storniert. Dieser Wissensvorsprung dürfte Gold wert gewesen sein.

Ein paar Fakten:
Die Deutsche Bank verlor durch das Erdbeben am Devisenmarkt am 15.01.2015 rund 130 Millionen Euro.
Die Citigroup verlor einen Betrag in ähnlicher Höhe.
Die Saxobank verlor über 100 Mio USD.
Der britische CFD- und Forexhändler Alpari UK meldete Insolvenz an.
FXCM wurde durch eine Finanzspritze in Höhe von 300 Millionen Dollar vor dem Aus bewahrt.
Die britische Großbank Barclays soll auch erhebliche Verluste erlitten haben.

Die Liste der Banken und Brokerhäuser, die Verluste erlitten haben, ist schier unendlich. Nach einer Schätzung des Beratungsunternehmens TowersWatson wurden 30 Milliarden Schweizer Franken an Pensionskassenvermögen vernichtet. Eine Anfrage über Handelsverluste durch den Fall der 1,20 bei der UBS beantwortete man mir mit folgender Mail:

„Sehr geehrter Herr Kasper-Behrs,
leider legen wir die Informationen, die Sie eingefordert haben, nicht im Detail offen.
Danke für Ihr Verständnis.
Beste Grüsse“

Für die Credit Suisse gilt im Übrigen das Gleiche! Da es keine weiteren Infos gab, habe ich die Quartalsergebnisse einiger Banken abgewartet. Die UBS hat im ersten Quartal 2015 deutlich über den Erwartungen abgeschlossen und damit alle Analysten überrascht. Sie hat ein Quartalsergebnis von + 1,977 Mrd. Schweizer Franken erwirtschaftet.

Quartalsergebnisse UBS in Schweizer Franken

Zum Vergleich: in den letzten ersten Quartalen der UBS, von 2012-2015, hat die Bank in jedem der drei Quartale jeweils 1 Mrd. Franken weniger erwirtschaftet! Auch die letzten drei zurückliegenden Quartale lagen alle mit mehr als einer Mrd. Schweizer Franken weniger Gewinn unter dem 1. Quartal 2015. Bei weiterer Analyse der Bilanz konnte man nur feststellen, dass die UBS in der Kategorie „Foreign Exchange, rates and credit“ Ihren Gewinn um erstaunliche 71 % steigern konnte! Ein Schelm, wer hier Böses denkt!

Warum im laufenden Handel?

Warum hat man die Aufgabe des Mindestkurses nicht am Samstag den 17.01.2015 bekanntgegeben? So hätten alle die gleichen Chancen am Markt gehabt. In den USA werden Quartalszahlen auch vor- oder nachbörslich veröffentlicht. Die SNB-Vorstände wussten, dass die EZB nach dem Entscheid des Europäischen Gerichtshofs vom 14.01.2015 grundsätzlich Staatsanleihen kaufen dürfte – und daher in Kürze bekannt geben würde, dass sie genau das jetzt tun würde. Die SNB hatte offenkundig Angst davor noch stärker als bisher intervenieren zu müssen zur Stützung des Mindestkurses.

Und tatsächlich: Am 22.01.2015 gab Mario Draghi die Entscheidung bekannt, dass die EZB Staatsanleihen für hunderte Milliarden Euro kaufen wird! Die Höhe der Käufe hat die EZB nicht innerhalb einer Woche entschieden! Dieser Entscheid stand sicher schon vorher fest, und der Termin der Veröffentlichung dieser Entscheidung sicher auch. Man wusste, dass der Europäische Gerichtshof am 14.01.2015 eine Entscheidung fällen würde.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Herr Jordan vorher schon mit Herrn Draghi gesprochen hatte und wusste, dass eine Woche nach dem Entscheid des Europäischen Gerichtshofs die EZB bekanntgeben würde, dass sie in unglaublicher Höhe europäische Staatsanleihen kaufen wird. Es könnte sein, dass Herr Jordan über die Pläne der EZB informiert war. Möglicherweise plante die SNB die Aufgabe der 1,20 bei Euro gegen Schweizer Franken bei positiven Entscheid des Europäischen Gerichtshofs schon viel früher. Das würde aber bedeuten, dass die SNB am 13.1.2015, in ihren standhaften Beteuerungen die 1,20 zu halten, ihre Bürger und alle Anleger / Banken in die Irre geführt hatte. Jordan selbst äußerte sich auf diese Frage:

„Der Zeitpunkt des Entscheids hat nichts mit dem Europäischen Gerichtshof zu tun, das ist reiner Zufall.“

Ein sauberer Schnitt

Die SNB erweckte zwar den Eindruck, dass man die Entscheidung zur Aufhebung der 1,20 Hals über Kopf getroffen hatte, aber so ganz kann ich das nicht glauben. Handelt es sich hierbei um Schlamperei und Pfusch? Oder noch mehr? Dafür findet wohl jeder Betrachter der Situation am 15.01. seine eigene Sichtweise. Fakt ist, dass zehntausende Anleger durch diese spezielle Situation im Schweizer Franken weltweit sehr viel Geld verloren haben. Sei es in Aktien oder Währungen. Die Entscheidung an einem Samstag zu veröffentlichen, an dem der Devisenhandel global (!) ruht, wäre für alle Beteiligten transparent und fair gewesen. So streiten sich jetzt Broker mit Kunden, wessen Stopp wann warum und wie spät zum Zug kam, oder warum Stopps gar nicht griffen.

Sachlichkeit statt Panik?

Ich bin der Meinung: hätte man die Aufhebung der 1,20-Schwelle an einem Samstag veröffentlicht, wäre die „Sachlichkeit des Marktes“ am folgenden Montag durch den zeitlichen Abstand viel größer gewesen. Was ist damit gemeint? Wir haben in den letzten 15 Börsenjahren immer wieder Ereignisse gehabt, die die Börsen erheblich durchschüttelten! Meist war es aber die PANIK, welche die Märkte weltweit deutlicher einbrechen ließen als das Ereignis selbst.

Die menschliche Psyche reagiert bei solchen Ereignissen mit „PANIK“ und Überreaktion. Hätte man 2 Tage am Wochenende Zeit gehabt, die Aufhebung dieser Schwelle zu verdauen, wäre der Absturz zum Beginn des Montagshandels nicht so brutal ausgefallen – statt einem Abfall von 1,20 auf 0,97 vielleicht nur auf 1,05 oder 1,10. Der Schaden für alle wäre geringer gewesen, wenn vorher alle Zeit gehabt hätten, sich auf dieses Ereignis einzustellen. Gerade Fonds und Banken hätten sich sicher noch beraten und besser auf die Situation einstellen können. Aber vielleicht wollte man hier nur einen elitären Kreis einweihen!?

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Frau des Vorgängers vom heutigen SNB-Chef Devisengeschäfte im August 2011 (Dollar – Schweizer Franken) getätigt hatte und durch den öffentlichen Druck der Medien am 9. Januar 2012 die Schweizerische Nationalbank bekannt gab, dass Herr Hildebrand sein Amt mit sofortiger Wirkung zur Verfügung stellt. Bekannt wurden die Transaktionen nur, weil der Bank Sarasin Kundendaten gestohlen wurden und diese dann veröffentlicht wurden. Im Januar 2012 beauftragte der Bankrat der SNB die Prüfung der Konten und stellte fest, dass es keinen Verstoß gab. Sie war wohl nur eine gute Händlerin!

Wie am 20.05.2015 bekannt wurde, hat am 18.05.2015 ein Mitglied des EZB-Direktoriums auf einem Empfang für Banker in London ausgeplaudert, das die EZB vorhabe, ihre aktuellen Anleiheaufkäufe zu verstärken, da im Sommer weniger Liquidität vorherrscht. Die anwesenden Banker konnten (mutmaßlich) von dieser Info profitieren, da der Rest des Marktes erst nächsten Morgen über dieses Wissen verfügte. Bei solchen Vorfällen muss ich irgendwie an die FIFA denken. Warum nur..?

Was sagt der Anwalt?

Diese beiden Beispiele haben natürlich keinen direkten Bezug auf die „Schweizer Franken“-Thematik vom 15.01.2015, zeigen aber dennoch, dass es in Notenbanken keinesfalls so seriös und gesittet zugeht, wie man denken könnte. Was kann man nun rechtlich als Anleger tun? Hierzu Befragte ich den bekannten Bankenrechtler Rechtsanwalt Prof. Dr. Klaus F. Bröker.

Herr Prof. Dr. Bröker möchte an dieser Stell klar betonen, dass es sich im nachfolgenden Text nur um eine „Kurzstellungnahme“ und kein Rechtsgutachten handelt. Es basiert lediglich auf den von mir gegebenen Informationen, deren Vollständigkeit, Inhalt, Wahrheitsgehalt er NICHT überprüft habe. Seine Kurzstellungnahme stellt seine derzeitige Rechtsauffassung dar und erfolgt ohne jede Haftungsübernahme für deren Richtigkeit und Vollständigkeit. Es handelt sich um eine reine rechtliche Meinungsäußerung seinerseits.

> Prof. Dr. Bröker Hinweise zu einer möglichen Haftung der SNB im Zusammenhang mit den Ereignissen am 15.01.2015 (Schweizer Franken):

SNB als möglicher Anspruchsgegner von Geschädigten?

Anspruchsgrundlage aus Vertrag wegen einer möglichen Vertragsverletzung:

Hier kommen nur solche Unternehmen als mögliche Anspruchsteller in Betracht, die in direkter vertraglicher Beziehung zur SNB stehen, da nur die Verletzung eines Rechtes aus einem solchen Vertrag eine mögliche Einstandspflicht der SNB auslösen könnte.

Handelt die SNB privatrechtlich und schließt als privatrechtlich agierendes Rechtssubjekt Verträge ab, so erscheint bei Verletzung solcher Verträge dann grundsätzlich ein zivilrechtlicher Schadenersatzanspruch gegen die SNB möglich.

Die Voraussetzungen dafür im Überblick:
– Vertrag
– Privatrechtliches Handeln der SNB
– Vertragsverletzung durch SNB
– Schaden auf Grund der Vertragsverletzung
– Kausalität zwischen Verletzung und Schaden
– Schutzwürdigkeit des Vertragspartners

Insgesamt erscheint eine solche Vertragsverletzung wohl unwahrscheinlich.

Anspruchsgrundlage aus Delikt/vorsätzlich/grob fahrlässig schädigender Handlung:

Hier kommen zunächst als potentielle Anspruchsteller alle Unternehmen, aber ggflls auch natürliche Personen in Betracht, die durch die Ereignisse am 15.01.2015 Vermögensverluste erlitten haben.

Fraglich ist, ob es eine oder mehrere zum Schadenersatz verpflichtende (deliktische) Handlung seitens der SNB (oder einer ihrer Angestellten, inkl. Vorstand/Präsidium, Verwaltungsrat) im Zusammenhang mit der Aufgabe der Stützung des Euro gab. Nur dann könnten daraus möglicherweise Ersatzansprüche resultieren.

Die Änderung der Währungspolitik, also die Abkehr von der Stützung des Euro – trotz gegenteiliger vorheriger Erklärungen noch in 2014 – ist sicherlich nicht geeignet, einen solchen Vorwurf zu begründen. Es ist schließlich die Aufgabe einer Zentralbank, die Marktentwicklung laufend zu beobachten und Entscheidungen betreffend die Geld- und Währungsstabilität zu treffen.

Sollte die SNB bzw. einer ihrer Mitarbeiter z. B. bei der Information über die Aufgabe der Unterstützungslinie von 1,20 Franken bestimmte Marktbeteiligte und mögliche Vertragspartner bevorzugt und vorab informiert haben, so wäre das möglicherweise rechtlich problematisch.

Denkbar wäre auch, dass eine Aufgabe der Unterstützung des Euro während der laufenden Handelszeiten rechtlich zu untersuchen ist, da eine solche Mitteilung zu Zeiten, in denen kein Handel stattfindet, möglicherweise weniger starke Marktverwerfungen hervorgerufen hätte und alle Marktteilnehmer dieselben Informationen bei Markteröffnung gehabt hätten. Hier könnte man daran denken dies wie eine Pflicht zur ad-hoc Mitteilung nach § 15 Abs. 1 WpHG zu sehen. Danach müssen solche wichtigen Informationen unverzüglich veröffentlicht werden, es sei denn es wäre eine Irreführung der Öffentlichkeit dadurch zu befürchten, was hier ersichtlich nicht der Fall war. Hinzu kommt, dass diese Regelungen im deutschen WpHG für Zentralbanken nach § 1 Abs. 3 WpHG keine Anwendung finden.

Zumindest theoretisch denkbar wäre in diesem Zusammenhang, dass bestimmte Handlungen relevant sein könnten, die einen Verdacht in Richtung einer Marktmanipulation nach § 20 a WpHG begründen könnten, denn nach § 20a Abs. 4 Nr. 3 WpHG gelten auch ausländische Zahlungsmittel nach § 51 BörsG als Gegenstände, die unter die Regelung des § 20a WpHG fallen. Dazu gehören auch Devisen.

Allerdings ist auch hier wieder § 1 Abs. 3 WpHG zu beachten, nach dem eine Intervention von Zentralbanken zugunsten bestimmter Währungen, die auf Grund von geld- oder währungspolitischen Gründen vorgenommen werden, nicht in den Anwendungsbereich von § 20a WpHG fallen. Die SNB wird ihr Engagement damit begründen und ist somit aus dem Anwendungsbereich von § 20a WpHG ausgenommen.

So lange, wie es keine gerichtsfesten Nachweise dafür gibt, dass hier vorsätzlich und mit Bereicherungsabsicht unter Verstoß gegen Schutznormen eine solche Intervention vorgenommen wurde, sind Ansprüche deliktischer Natur nicht gegeben. Solche Nachweise könnten sich – sofern dies überhaupt denkbar ist – allenfalls aus internen Vermerken/E-Mails etc, die Mitarbeiter der SNB mit Vertragspartnern oder Dritten gewechselt haben, ergeben. Das erscheint sehr fernliegend.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass nach derzeitigem Erkenntnisstand mögliche zivilrechtliche Ansprüche gegen die SNB wegen der Vorgänge am 15.01.2015 nicht erkennbar sind. Prof. Dr. Bröker<

Whistleblower

Sollte es tatsächlich Firmen, Banken oder Personen geben, die von der SNB bevorzugt wurden, kann dies wahrscheinlich nur ein Whistleblower ans Tageslicht bringen. Eine solche Information, wenn es sie überhaupt gibt, würde dann sehr teuer für die SNB werden!

Lieber Whistleblower,
hier kannst du uns eine Nachricht schicken:

mail@finanzmarktwelt.de


Zum Schluss möchte ich ein Sprichwort zitieren:
Betrüger ist, wer einen anderen übervorteilt, ohne nach Recht und Gesetz die Erlaubnis dazu zu haben.
© Prof. Querulix (*1946), deutscher Aphoristiker und Satiriker.



Download SNB-Daten

Anmerkung: Die Bemerkungen von RA Dr. Bröker zur möglichen Haftung der SNB stellen keine Rechtsberatung dar.

14 Kommentare

14 Comments

  1. Avatar

    Mario Begusch

    17. Juni 2015 10:44 at 10:44

    … warum wundere ich mich jetzt nicht

  2. Avatar

    Fred

    17. Juni 2015 11:05 at 11:05

    Ich würde bei der SNB durchaus Absicht vermuten.

    Seriös wäre es gewesen die Aufgabe der 1,20 Marke „nach Börsenschluss“ d.h. an einem Samstag bekannt zu geben.

    Da dieses nicht der Fall war betrachte ich die Vorgehensweise der SNB als hochgradig unseriös.

    Soviel zur Schweiz und Seriösität.

  3. Avatar

    Anna Hofer

    17. Juni 2015 12:06 at 12:06

    Meiner Meinung nach war es Absicht.

    Denn als SNB Präsident muß es schon klar sein, welche Folgen solch eine Entscheidung hat.

    Bin mir sicher, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen wurde.

  4. Avatar

    Jan

    17. Juni 2015 13:56 at 13:56

    Was mich in diesem Zusammenhang schon immer interessiert hat:
    Warum wird es in der Presse immer als so unglaublich großes Problem dargestellt eine Währung zu schwächen??

    Meiner Ansicht nach, gibts nichts Einfacheres?

    „Einfach“ Landeswährung drucken ohne Ende und damit alles aufkaufen, was nicht niet- und nagelfest ist… sprich USD, EUR, aber besser Öl, Metalle und v.A. Silber und Goldreserven ins Unendliche aufblasen….

    Wieso macht das die schweizerische Notenbank nicht „einfach“ und tut so, als wäre das nicht möglich…???
    Kann mich da mal jemand aufklären?

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    Zierckes Oma

    17. Juni 2015 14:02 at 14:02

    Wenn jemand im Fernsehen erzählt, das Wasser den Berg hoch fließt und mit diesem offensichtlichen Unsinn jemand sein Vernögen „absichert“, dann ist demjenigen nicht zu helfen. Ich gönne jedem die in dieser Angelegenheit erlittenen Verluste von ganzem Herzen. Dummheit wird eben bestraft – wobei sich hier zur Dummheit noch eine hochgradige und nur als hündisch zu bezeichnende Unterwürfigkeit unter die unverantwortliche EU-Finanzpolitik gesellt.

  6. Avatar

    Dosenovic

    17. Juni 2015 14:29 at 14:29

    Danke für die tolle Recherche. Leite ich an den Kollegenkreis weiter. Vielleicht ist ein Whistleblower dabei;-).

    • Avatar

      Aufwind

      17. Juni 2015 16:22 at 16:22

      Da geht es doch wieder nur darum die Schweiz zu deformieren. Da kann ja egal wer kommen und einfach behaupten er hätte „Beweise“, das wird sofort in der Presse breitgeklatscht, ob es stimmt oder nicht. Wer glaubt Nationalbanken seien seriöser und irgendwie besser als andere Banken, ist doch sowieso blind.

  7. Avatar

    Steven Lenhart

    17. Juni 2015 15:47 at 15:47

    Na klar wusste die UBS früher Bescheid als Bloomberg und na klar hat die UBS sich erstmal um eigene Positionen
    und eigene Key Clients gekümmert und dann ein paar Mins später um die Kleinkunden. Und na klar legt die UBS etc jetzt keine Details zu trades und Insidervorteilsausnutzung dar, weil sie dann allen betroffenen Kunden ihre Verluste ersetzen müssten. ABER: leider vergisst der Autor (oder traut sich nicht) den eigentlichen Skandal in dieser Sache (!) offenzulegen, nämlich die mafiösen Verstrickungen zwischen UBS, CS, SNB, dem Schweizer Bankenbudsmann und der Bankenaufsichtsbehörde FINMA.
    Der Skandal ist doch dass FINMA und Bankenombudsmann jetzt UBS und Co schützen/decken, statt sich hinter die betrogenen Kunden zu stellen!!

  8. Avatar

    khaproperty

    17. Juni 2015 17:01 at 17:01

    Eigentlich hat die SNB nur den Euro daran gehindert, weiter abzustürzen.
    Damit ist kurzfristig nicht nur dem Sfr sondern auch anderen Währungen gedient.

    Allerdings vermag selbst die starke Schweiz es nicht, den beständig verfallenden Euro dauerhaft zu stützen. Das wurde zu teuer. Auch die SNB begriff zusehends, daß der Euro keine zuverlässige Währung, sondern eine andauernde Katastrophe ist, deren Irrsinn sich zunehmend weltweit offenbart.

    So handelt die SNB völlig logisch, voraussehbar und richtig im Interesse des eigenen Landes – und vor allem dem Rest der Welt, welcher an weiterem Selbstbetrug gehindert wird, wenn sie diese unzumutbar gewordene Stütze des Euro einstellt. Die schweizer Euroreserven minderster Qualität waren zu den größten weltweit gewachsen. Völlig unzumutbar für Land und Leute.

    • Avatar

      Jan

      17. Juni 2015 23:08 at 23:08

      Es hätte doch gar kein Zwang bestanden für die Schweiz ständig nur Euro zu kaufen, sie hätten alles mögliche kaufen können, um den Franken zu schwächen.

      Am besten wohl einfach Gold und Silber in Massen.

      „Teuer“ wäre das ja auch nicht gewesen für die Schweiz, da sie doch einfach das benötigte Geld hätte drucken können…

      Aber ganz ehrlich, das Vorgehen verstehe ich auch nicht im Zusammenhang mit dem Euro.
      Draghi hätte gerne einen schwachen Euro und versucht dies durch QE zu erreichen… einfach indem er Schrottanleihen mit „geliehenem“ Geld aufkauft…

      Wieso macht er nicht gleich Nägel mit Köpfen und kauft Gold und Silber mit richtig gedrucktem Euro-Geld?
      Wieso geht er ein Risiko ein und „leiht“ sich Geld um damit dann auch noch Schrott zu kaufen?

      Das ist doch komplett doppelwidersinnig…
      1. hat er ja die Möglichkeit Geld zu drucken, leiht sich dieses jedoch
      2. gibt es keinen Zwang damit Schrott zu kaufen, er könnte auch stabile Werte kaufen…

  9. Avatar

    Claudia

    17. Juni 2015 19:39 at 19:39

    Herr Jordan ist nach dem spontanen Abgang von Herrn Hildebrand nachgerückt. Er wirkte zu Beginn recht unbeholfen und war von vorneherein gegeg den Mindeskurs. Er hatte eine schwere Erblast von Herrn Hildebrand übernommen und wusste genau worauf das hin steuerte. Ich glaube nicht das es übehaupt
    einen Whistleblower gibt, sondern der Ablauf dieser Aktion einfach auf Unbeholfenheit bassiert.

    Was den Verlust bei Derivaten anbelangt ist wohl jeder selber Schuld. Wie z.B. der Fall in England, wo ein UBS-Mitarbeiter gegen den CHF gewettet und damit einer der grössten Verluste der UBS eingefahren hatte. Dies war zum Zeitpunkt der Einführung des Mindeskurses. Das zum Thema Schweizer Banken.

  10. Avatar

    mascha

    18. Juni 2015 01:47 at 01:47

    Wie der Bilderberg-Teilnehmerliste 2013 zu entnehmen ist, war Thomas Jordan als offizieller Vertreter der Schweizerischen Nationalbank dort aufgeführt. Er besuchte die Bilderberger …….

    http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20133545

  11. Avatar

    Emaus

    18. Juni 2015 18:10 at 18:10

    EEs ist doch klar, dass Herr Jordan die Interessen der Bilderberger vertritt, was dann nicht die Interessen der SNB und auch nicht der CH sind. Deshalb ist so ein Mensch als SNB Chef untragbar, es zeigt sich immer mehr, dass die Schweiz nicht durch das Volk regiert wird, sondern durch solche Gross Kapital Vertreter oder korrumpierte Parlamentarier, dh. wir eigentlich in einer Plutokratie leben.
    Das tragische ist nur, dass die Bürger das noch nicht realisiert haben und sich immer noch im Schlaraffenland befinden. Es wird aber bald der Tag der Wahrheit kommen, dann wenn sich der CHF und sonstige Werte, wie die Pensionen sich zu 0 auflösen und die CH wie die übrigen EU Staaten im Chaos wieder finden werden.

  12. Avatar

    Stefan

    7. Juli 2015 18:02 at 18:02

    Wahnsinn!
    Super Recherche.

    Ich bin einer der armen Verbraucher, denen man ein Schweizer Währungsdarlahen als ein zinsgünstiges und sicheres Produkt verkauft hat.

    Wenn Sie mal meine Version hören wollen, ich könnte schöne „Geschichten“ erzählen.

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Aktien

Coronakrise: Für die Verlierer folgt wohl der zweite wirtschaftliche Abschwung

Redaktion

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Lufthansa mit massiven Problemen in der Coronakrise

Zum Ausbruch der Coronakrise gab es zunächst massive Staatshilfe über Kurzarbeit, Zuschüsse, Milliardenkredite und sogar Unternehmensbeteiligungen durch den Staat. Die Lage schien sich zu stabilisieren. Mit der deutschen Volkswirtschaft geht es wieder bergauf. Und wenn man sich die Headlinezahlen der Statistiker betrachtet, wirkt die Lage auch gar nicht mehr so schlimm. Aber die Verlierer-Branchen, die ab März fast komplett den Bach runtergingen, die erleben derzeit womöglich den zweiten Abschwung.

Wenn dem wirklich so ist, wäre es für Börsianer ratsam die Finger von Aktien dieser Branchen zu lassen. Denn es ist natürlich zunächst verführerisch. Was im Zuge der Coronakrise stark gefallen ist, scheint jetzt vom reinen Aktienkurs her optisch günstig zu sein. Aber kommt eine weitere kräftige Abwärtswelle bei den Aktienkursen der betroffenen Konzerne, wenn den Börsianern klar wird, dass die Coronakrise auf ganz spezielle Branchen noch viel länger sehr drastische Auswirkungen haben wird?

Lufthansa in der Coronakrise weiter im Abschwung

Da wäre zum Beispiel die Lufthansa als Paradebeispiel in Deutschland zu nennen. Zum Ausbruch der Coronakrise sanken die Passagierzahlen auf Null. Nun denkt man, dass sich die Fluggastzahlen zusammen mit der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung auch steigern werden. Aber die Lage ist wohl schwieriger. Erstmal hilft da der gesunde Menschenverstand. Wie viele potenzielle Urlauber bleiben bitte schön solange den Flughäfen fern, bis die Maskenpflicht entfällt? Denn stundenlang als erholungssuchender Tourist im Flieger, am Flughafen, im Hotel, und an der Strandpromenade mit Maske rumzulaufen – darauf haben viele Menschen einfach keine Lust, denn das ist einfach kein richtiger Urlaub!

Nach den bisherigen massiven Einschnitten der letzten Monate sieht es bei der Lufthansa (wie bei anderen Airlines auch) nach einer erneuten Runde von Einschnitten aus. Dies lässt vermuten, dass sich die Flugzahlen eben nicht so erholen, wie man es sich erhofft hatte. Laut aktuellen Berichten soll Anfang nächster Woche bekanntgegeben werden, wie viele zusätzliche Jobs und Maschinen bei der Lufthansa gestrichen werden. Denn die Airlines leider derzeit auch darunter, dass sich die Einreisebeschränkungen einzelner Länder schnell ändern, und der potenzielle Reisende dann fernbleibt. Auch hier kann man denken aus „kaltherziger“ Börsianer-Sicht: Gut, dann warte ich die nächste Kürzungsrunde und weiter fallende Aktienkurse noch ab, und kaufe dann günstig ein.

Aber das sage mal jemand den Aktionären der Telekom, die damals in ein immer weiter fallendes Messer griffen nach dem Motto „jetzt gibts die Aktie aber günstig zu kaufen“. Natürlich ist das alles Ansichtssache. Es kann natürlich auch sein, dass ab einem gewissen Kursniveau wirklich eine Bodenbildung eintritt. Aber man sollte als Börsianer nicht all zu euphorisch agieren, nur weil der Aktienkurs optisch günstig zu sein scheint. Im folgenden Chart sehen wir in den letzten 12 Monaten in blau den Verlauf des Dax gegen die deutlich schlechter laufende Lufthansa-Aktie (beides auf CFD-Basis).

Chart zeigt Kursverlauf von Lufthansa gegen Dax

US-Airlines und Hotels

Auch in den USA geht der Abbau bei den Verlierern weiter. Nachdem die Airlines nach dem Ausbruch der Coronakrise bereits üppig vom US-Steuerzahler bedacht wurden, scheint das Geld wohl auszugehen. Nach ganz aktuellen Berichten sind die Chefs der großen US-Airlines im Weißen Haus vorstellig geworden. Das Motto lautete: Gebt erneut Staatshilfe, oder wir müssen Massenentlassungen durchführen. Auch dies ist ein klares Indiz dafür, dass es Delta, United und Co sehr schlecht geht.

Wie jüngste Berichte zeigen, und was natürlich mehr als verständlich ist: Das Spieler-Paradies Las Vegas wurde von der Coronakrise übel getroffen, aber gleich doppelt und dreifach. Da lohnt es sich einen Blick zu werfen auf die Las Vegas Sands Corp, einen Hotel- und Casino-Betreiber mit Schwerpunkten in Las Vegas, Macau und Singapur. Die Aktie notierte vor dem Beginn der Coronakrise im Februar bei 71 Dollar, jetzt bei 49 Dollar. Im folgenden Chart, der 12 Monate zurückreicht, haben wir die Kursverläufe der Hotelkette und von United Airlines übereinander gelegt. Frage: Greift man hier in ein fallendes Messer, wenn man jetzt kauft? Oder stehen die Aktien vor einem langen, langweiligen Seitwärtstrend?

Chart zeigt United Airlines und Las Vegas Sands

Nicht in das fallende Messer greifen?

Der Spruch ist einer der absoluten Börsianer-Klassiker. Man soll nicht in das fallende Messer greifen. Damit ist gemeint, dass man in einem Absturz, bei dem der Boden noch nicht erkennbar ist, nicht kaufen sollte. Natürlich sollte man auch später nie krampfhaft versuchen den absoluten Tiefpunkt für seine Einstiege an der Börse zu finden. Aber derzeit scheint es bei Aktien von Hotels und Airlines so zu sein, dass die Corona-Misere weitergeht, während sich der größte Teil der sonstigen Volkswirtschaft damit beschäftigt die alten Niveaus zu erreichen. Also, Vorsichti ist geboten bei den Problembranchen. Es sieht nicht nach einer raschen Erholung aus! Gestern berichteten wir bereits über die große Entlassungswelle bei deutschen Autozulieferern (hier finden Sie den Artikel). Auch hier sollte man bei Neueinstiegen in die entsprechenden Aktien überlegen, ob nun das Tief wirklich erreicht wird, oder ob die Misere noch einige Zeit anhalten wird, was auch die Aktienkurse weiter belasten könnte.

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Aktien

Aktuell: Grenke veröffentlicht ausführliche Stellungnahme

Claudio Kummerfeld

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Die Grenke AG (notiert im MDax) ist seit Tagen massiv unter Beschuss nach harten Manipulationsvorwürfen a la Wirecard (wir berichteten). Nachdem man die Vorwürfe bereits zurückwies, erfolgt ganz aktuell eine ausführliche Stellungnahme des Unternehmens. Hier zeigen wir die wichtigsten Passagen im Wortlaut. Vorab noch die Info, dass Grenke heute beschlossen hat, dass man ein Sondergutachten beim Wirtschaftsprüfer KPMG in Auftrag gibt, welches die massiven Vorwürfe entkräften soll. Nun geht es aber los, mit ausgewählten Passagen aus dem aktuellen Text von Grenke (hier in voller Länge).

Headline-Aussage:

Die GRENKE AG, globaler Finanzierungspartner für kleine und mittlere Unternehmen, weist auch nach genauer Prüfung des 64-seitigen Berichts von “Viceroy Research” die darin erhobenen Vorwürfe mit aller Entschiedenheit zurück. Nach einhelliger Auffassung des Vorstandes und des Aufsichtsrates sind sämtliche Anschuldigungen in allen Themenbereichen unbegründet. Antje Leminsky, Vorstandsvorsitzende der GRENKE AG: „Die Behauptungen in dieser sogenannten Analyse entbehren jeder Grundlage. Wir verwehren uns gegen jeglichen Vergleich mit Wirecard. Die Anschuldigungen eines Leerverkäufers, der mit dem von ihm ausgelösten Kursverfall Geld verdient, sind ein Schlag ins Gesicht unserer über 1.700 Mitarbeiter, unserer 40.000 Händler und unserer langfristig orientierten Aktionäre.“

Entscheidend – Vorwurf zu fehlenden Geldern:

Viceroy behauptet ferner, dass ein substanzieller Anteil von den im Halbjahresfinanzbericht 2020 ausgewiesenen 1.078 Mio. Euro liquiden Mitteln nicht existiere. Diese Behauptung – einer der zentralen Vorwürfe von Viceroy – ist frei erfunden. 849 Mio. Euro, also fast 80 Prozent der liquiden Mittel, befanden sich zum 30.06.2020 auf Konten der Deutschen Bundesbank – wie im Halbjahresfinanzbericht veröffentlicht. Am 15.9.2020 betrug das Guthaben bei der Bundesbank, wie bereits mitgeteilt, 761 Mio. Euro. Die Differenz von rund 20 Prozent befindet sich überwiegend auf Konten bei deutschen Großbanken.

Zum Franchise:

Viceroy unterstellt, dass die Franchise-Akquisitionen von GRENKE in der vergangenen Dekade mit nicht offengelegten verbundenen Parteien stattgefunden hätten und diese Beziehungen hätten offengelegt werden müssen. Das ist falsch.

Die GRENKE AG betont zudem, dass unter den Geschäftsführern der Franchise-Unternehmen durchaus ehemalige GRENKE-Mitarbeiter sind, diese aber alle spätestens mit Aufnahme ihrer Tätigkeit als Gesellschafter und Geschäftsführer der Franchise-Unternehmen keine Rolle im GRENKE Konzern mehr innehatten.

Viceroy behauptet zudem, die von Grenke akquirierten Franchise-Unternehmen hätten keinen reellen und tangiblen Wert und seien „underperforming“. Dennoch tauchten sie in den Büchern des Konzerns mit Goodwill auf.

Dazu erläutert GRENKE: Die Franchise-Unternehmen werden gerade deshalb nach vier, fünf oder sechs Jahren akquiriert, weil sie dann schon ein gutes Händlernetz aufgebaut und gleichzeitig viel Potenzial haben. Es ist völlig normal, dass die Franchise-Unternehmen zum Zeitpunkt des Verkaufs als wachsende Start-ups noch Verluste machen.

Geldwäsche:

Viceroy stellt außerdem die Wirksamkeit der Geldwäsche-Prävention bei GRENKE in Frage. Als vermeintlicher Beleg dafür wird angeführt, dass drei GRENKE-Bank-Kunden Geldwäsche über ihre Konten bei der GRENKE Bank hätten betreiben können, obwohl die BaFin bereits rechtlich gegen sie vorging. Auch dieser Vorwurf ist falsch: Die regulatorisch vorgeschriebenen Prozesse für „Know your customer“ (KYC) und Anti-Money-Laundering (AML) werden bei GRENKE vollumfänglich umgesetzt und regelmäßig überprüft. Als KYC-Tool nutzt GRENKE ein leistungsfähiges System, das dem Branchenstandard entspricht und unter anderem von einer dreistelligen Zahl von Volks- und Raiffeisenbanken ebenfalls einsetzt wird.

Zentrale von Grenke
Firmengelände des Unternehmens. Foto: © GRENKE AG

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Aktien

Aktienmärkte: Großer Verfall – Optionen und mögliche Turbulenzen!

Heute, vielleicht aber noch mehr Anfang nächster Woche könnte es für die Aktienmärkte richtig turbulent werden. Der große Verfall und die US-Tech-Aktien

Markus Fugmann

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Für die Aktienmärkte ist heute der große Verfall der wahrscheinlich entscheidende Faktor – es verfallen Optionen und Futures mit Laufzeit September (siehe hierzu den heutigen Videoausblick „Großer Verfall – es steht viel auf dem Spiel“). Zuletzt war in den Finanzmedien vor allem das in den USA von Privatinvestoren gehandelte Volumen an Optionen (vor allem Calls auf die großen US-Tech-Aktien) ein großes Thema – und das zurecht!

Folgende besipielhafte Grafik zeigt, wie dieses hohe Volumen an Calls bei den Borkern/Verkäufern dieser Call-Optionen Käufe des jeweiligen underlyings ausgelöst hat – in der Grafik konkret illustriert anhand der Amazon-Aktie:

Großer Verfall: Der stark gestiegene Effekt der Optionen auf die Aktienmärkte

Grafik: Benn Eifert, https://twitter.com/bennpeifert

Man sieht: der Kauf von Call-Optionen auf die Amazon-Aktie hat letzlich den Verkäufer der Call-Optionen gezwungen, sein Risiko durch den Kauf der Amazon-Aktie abzusichern, nachdem die Amazon-Aktie angestiegen war (was ja bis Anfang September der Fall war). Aus 1500 Dollar, die ein Privakunde in Amazon-Calls investiert hatte, entstanden Käufe im Volumen von 230.000 Dollar der Amazon-Aktie durch den Broker/Verkäufer der Amazon Calls.

Es war offenkundig dieser Mechanismus, der die Aktienmärkte zuletzt stark beeinflußt hatte – und die extreme Rally der US-Tech-Werte vor Anfang September mit erklären kann.

Aktienmärkte und Call-Optionen bei US-Techaktien

Der Bestand von Call-Optionen auf Amazon war vor Anfang September regelrecht explodiert und betrug 48% der Marktkapitalisierung von Amazon:

Aktienmärkte und Amazon Call-Optionen

Noch krasser die Call-Bestände bei Tesla (380% der Marktkapitalisierung) – was den unter Bewertungsgesichtspunkten absurden Anstieg der Tesla-Aktie erklären hilft:

Tesla Call-OptionenCharts: @MacroCharts

Folgende Grafik zeigt, wie extrem die Call-Bestände auf die großen US-Tech-Aktien zuletzt angestiegen waren:

Aktienmärkte: Call-Optionen auf US-Tech-Aktien und großer Verfall

So weit so extrem. Aber was passiert, um das oben aufgeführte Beispiel der Amazon-Aktie zurück zu kommen, wenn die Optionen auf die einzelnen Aktien verfallen? (zu den Uhrzeiten des Verfalls auf einzelne Aktien siehe hier – Optionen auf die US-Indizes dagegen verfallen heute um 15.30Uhr deutscher Zeit)

Dann nämlich werden die Absicherungen des Brokers, der die Amazon-Aktie gekauft hatte um sein Risiko zu hedgen, im Grunde überflüssig (siehe die Grafik oben). Es könnte also eine große Verkaufswelle für die Aktienmärkte drohen – aber wir wissen eben nicht wirklich, wieviel der nun heute auslaufenden Call-Optionen bereits vor dem Verfall verkauft wurden! Möglich ist also, dass die Schwäche der großen US-Techaktien wie Amazon in den letzten Tagen bereits ein Zeichen dafür ist, dass die Broker die underlyings verkauft hatten!

So oder so: heute, vielleicht aber noch mehr Anfang nächster Woche könnte es für die Aktienmärkte richtig turbulent werden! Oder eben auch nicht – vielleicht nämlich ist der größte Teil schon abgewickelt, Schieflagen inzwischen weitgehend bereinigt. Daher zitieren wir hier den Kaiser Beckenbauer: „Schaun mer mal, dann sehn mer scho“!

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